Das Stück Medeakomplex entfaltet eine Geopoetik des Schwarzen Meers, eine in geopolitischer, sozialer und ökologischer Hinsicht höchst sensible Zone, deren Zukunft dem Westen bereits zu entgleiten beginnt.
Der Ausgangspunkt des Stücks liegt in der Arbeit des Autors an einer Übersetzung der fragmentarisch überlieferten „Die Ammen“ von Aischylos, begonnen in den ersten Monaten des Krieges in der Ukraine und weiterentwickelt während seiner Reisen im Kaukasus. In der Version von Aischylos verjüngt Medea die Ammen des Dionysos durch Kochen in einem grossen Gefäss. Die Ammen werden schliesslich als Hyaden an den Himmel versetzt. Michel Kessler interessiert sich für diese frühe Schicht des Mythos, wo Medea als rituelle Wissens- und Gewaltträgerin aus dem chthonisch-maternalen Bereich erscheint, lange vor der kanonischen Fixierung bei Euripides und später bei Seneca.
Wie der Titel andeutet, ist die Hexe Medea mehr als eine Bühnenfigur, sie ist ein „Komplex“, Grund und Boden für koloniale und sexuelle Territorialisierung. Gleichzeitig stellt sie damit auch ein Gegenstück zum männlichen Ödipuskomplex dar (Medea=Anti-Ödipus). Das Stück bietet keine am Leitfaden der Zeit organisierte Handlung. Medeakomplex besteht aus Figuren, Reden, Gewalttaten, Schreien und Träumen rund um den multipolaren Kontakt- und Konfliktraum des Schwarzen Meers zwischen den Häfen von Odessa, dem Transnistrien-Nahraum, dem Donaudelta, der Landbrücke zur Krim, der occupation line der Ostküste mit Abchasien und Südossetien, dem Südkaukasus-Vorfeld.
Radikal fragmentiert erscheint Medea in diesem Stück als Ritualfigur und Trägerin von Gewalt. Sie steht gleichsam für ein körperlich-rituelles Wissen jenseits der Polis. In der Linie moderner Aneignungen von Heiner Müller bis Pier Paolo Pasolini und Lars von Trier verbindet das Stück frühe mythologische Schichten mit gegenwärtigen geopolitischen Konflikten.