Fluchtburg

von Gerhard Meister

Seine Entlassung kam wie der berühmte Blitz aus heiterem Himmel. Seither sitzt er zuhause. Er hat das Haus kein einziges Mal mehr verlassen. Er sitzt und tut nichts. Sie übt sich in Geduld. Er wird sich wieder fangen. Noch ist nichts verloren. Wohnt man nicht in bester Lage? Ist man hier nicht durch Mauern und Videoüberwachungsanlagen vor allen Gefahren geschützt?

Bestimmt, so denkt sie, wird alles besser, wenn sie in den Urlaub verreist sind. Das wird ihn von seinen trüben Gedanken befreien, und sie ist auf ein oder zwei Wochen diese fürchterliche Stadt los, wo einem beim Spaziergang durch den Park plötzlich ein toter Penner im Weg liegt. Statt auf den Urlaub zu hoffen, holt er sich eine neue Putzfrau, und das ausgerechnet aus dem Kleefeld, einer zum schlimmsten Armenghetto der Stadt verkommenen Hochhaussiedlung. Sie will diese Putzfrau sofort wieder loswerden. Er denkt nicht dran, die Putzfrau zu entlassen.

Statt dass alles besser wird, wird alles erst richtig schlimm. Er hat einen grimmigen Gefallen entwickelt am freien Fall, in den seine Existenz gestossen wurde, und arbeitet nun systematisch auf den Aufschlag hin. (Fischer Theater Verlag)

Historie des Stücks

  • SRF Hörspiel Regie: Claude Pierre Salmony 2009
  • Burgtheater Wien Uraufführung Regie: Harald Brückner 2007