Das Algorithmische Theater (Erstes Manifest)

von Michel Kessler

Das algorithmische Theater setzt beim ἀλγος (álgos) an, beim Schmerz als verdrängter Kern der Digitalmoderne. Gegen die spiegelglatten Logiken der Plattformökonomie, gegen Optimierung und Ironie versteht es das Theater als rituellen, körperlichen Apparat, der unterhalb der Sprache operiert und direkt auf das Nervensystem einwirkt. Die Vitalkräfte werden aktiviert: Blut, Schweiss, Sperma, Atem, Zittern. Sprache als magische Beschwörung. Körper, Masken, Objekte, Gehbewegungen, Gesten und Aktionen werden zu Zeichen, zu codierten Hieroglyphen einer operativen Ordnung. Schauspielende sind weniger Figuren als Instrumente; Klang ist Akteur, Dissonanz Methode. Die Choreografie ist codiert.

Seit den frühesten rituellen Praktiken in Ägypten war Theater ein Ort der Maskierung, des Aus-sich-Heraustretens, der Trance, der Ekstase, der Beschwörung von Dämonen, Ahnen und Kräften einer undurchschaubaren Welt. Heute kehren diese Kräfte in neuer Gestalt zurück: als Avatare, Trolle, Chatbots, algorithmische Masken, digitale Doubles. Das algorithmische Theater ist der Ort, an dem diese Figuren rituell durchquert werden.

Es richtet sich überdies gegen das postmoderne Klamauk-Theater der Meta-Meta-Referenz. Dieses Theater ist ein Exorzismus: Es zwingt verdrängte Energien in eine rituelle Verdichtung, um sie zu transformieren. Theater wird zum hermetisch geschlossenen Transformationsraum, in dem Wahrnehmung destabilisiert und zersetzt wird. Es war schliesslich Antonin Artaud, der im Hinblick auf seine Theatervision den Begriff Virtual Reality geprägt hat.