B-2 Spirit

von Michel Kessler

B 2 Spirit 2025

Die erste erhaltene Tragödie ist die Verwandlung eines realen Krieges in ein Ritual: Die Perser des Aischylos fungiert als ein Klageoratorium, ein Requiem für die Gefallenen auf dem Schlachtfeld, die Beschwörung der Toten im Rhythmus des Chores. Das Theater als Atem- und Erinnerungsmaschine, als ritueller Resonanzraum. Hier wird das Unabgegoltene der Geschichte durch den kollektiven Körper hindurchgetragen.

B-2 Spirit ist ein Theatertext über Krieg als Ritual der Gegenwart. Das Stück überführt den israelisch-iranischen Krieg vom 13. bis 24. Juni 2025 in die Form der ersten erhaltenen Tragödie der Weltliteratur: Die Perser des Aischylos. Wie bei Aischylos bleibt die Bühne hinter der Front, im Inneren eines Macht- und Erinnerungsraums.

Der Zwölftagekrieg ist der Nachhall von Jahrtausenden. Es ist allerdings nicht mehr der Bote aus Susa, der die Nachricht bringt, sondern der Live-Feed des Newstickers; es ist nicht mehr das Schlachtfeld bei Salamis, sondern die brennende Küstenlinie am Persischen Golf, die unseren Geist in Unruhe versetzt; nicht mehr Xerxes, sondern die namenlosen Strategen der Gegenwart, die die Region von einem Unheil in das nächste stürzen. Gleichsam ist es hier wie dort das scheinbar Fremde, das zugleich das Spiegelbild des Eigenen darstellt.

B-2 Spirit: das ist der Geist einer Maschine, die Maschine eines Geistes. Der für Radare unsichtbare Todesengel am Himmel. Und so hebt ein neuer Chor an in der Strasse von Hormus, unter den Ruinen von Isfahan, wo Drohnen kreisen und der Boden von den Einschlägen bebt, wo Ölfelder brennen und Reaktoren leuchten. Totengedenken unentwegt: NO-DROP.

Aischylos steht als unser nächstes Fremdes im Raum. Seine Texte: Geräte zum Einfangen von Zukunft als Produktion von Möglichkeit im Angesicht der Katastrophe.

O Daimon: Hörst du wie die Bomben atemlos

Auf unsere Betonbunker niedergehen nachts.

(...)

Ich habe WUNDEN im Gehirn. Gespenster überall.