Was bedeutet für Autor*innen Gegenwart? Wie kann die heutige Welt aus dem Theater heraus beschrieben oder kommentiert werden? Welche Themen und Stoffe drängen sich auf und lassen sich zudem auf einer Bühne verhandeln? Die Reihe ZEITGENOSS*INNEN stellt sich gemeinsam mit Autor*innen und Künstler*innen diese Fragen.
In der achten Veranstaltung der Reihe unterhielt sich die Autorin Sarah Calörtscher mit der Game-Designerin und Wissenschaftlerin Maike Thies über das Gestalten künftiger Welten und das Eintauchen in virtuelle Realitäten. Der Text ist ein gekürzter Ausschnitt aus dem Gespräch, das im Anschluss an die Vorstellung HERZ AUS POLYESTERvom 01.02.2025 stattfand. Moderiert wurde das Gespräch von Dramaturgin Kristina Malyseva.
Kristina Malyseva: Ihr arbeitet beide an Welten, baut an Kulissen der Zukunft: Game Design, immersive Künste und die Welt der Dramatik. Was braucht es, um eine spannende Welt zu konstruieren und darin eine gute Geschichte zu erleben?
Sarah Calörtscher: Ich finde oft Geschichten spannend, die sich trauen, Uneindeutigkeiten und Lücken zuzulassen. Ich mag Geschichten, die Bezüge zwischen Dingen herstellen, die ich vorher nicht gesehen habe. Wenn ich also nach einer Geschichte das Gefühl habe, etwas verstanden zu haben, was ich vorher nicht noch nicht verstand.
Maike Thies: Auch ich wünsche mir, dass Geschichten so eindrücklich erzählt werden und unter die Haut gehen, sodass man danach mit einem anderen Blick wieder hinaustritt.
Ausgangspunkt ist für mich eigentlich eine fundierte Recherche. Und mir ist auch eine gewisse Unmittelbarkeit und Dringlichkeit wichtig, eine Empathie mit dem Thema. Ich persönlich möchte mich nicht nur mit etwas auseinandersetzen, was einfach «nice und schön» ist, sondern mit etwas, was sich tatsächlich am Hier und Jetzt abarbeitet.
Malyseva: Maike, du beschäftigst dich ja auch mit dem Begriff des Speculative Design – hypothetischen Zukunftsszenarien, die nicht darauf ausgerichtet sind, marktfähige Produkte zu lancieren, sondern Debatten anregen wollen und alternative Lebensentwürfe aufzeigen. Und du, Sarah, du machst das mit deinen Theaterstücken. Was glaubt ihr denn, bringt es uns näher oder hat es tatsächlich ein kritisches Potenzial für unser Sein und Denken, wenn wir solche spekulativen Zukünfte erleben?
Thies: Sich kritisch mit der Gegenwart auseinanderzusetzen, ist überhaupt die Grundvoraussetzung, um fundierte Designs hervorzubringen. Bei uns im Departement Design an der Zürcher Hochschule der Künste wurde in letzter Zeit sehr viel über die Antizipierung von Zukunft nachgedacht. Es ist so: Spekulatives Design wird aktuell oft in die Zukunft verlegt. Man geht normalerweise also davon aus, dass zukünftige Welten erzählt werden. Aber eigentlich ist die Zukunft immer schon da. Und genau darum geht es im besten Fall: Dass schon in diesem Moment gegenwärtige und präsente Wirrwarr dieser Welt zu erkennen, zu detektieren und zu ordnen. Es ist eine unglaubliche Kapazität, wenn man als gestaltende Person ein feinfühliges Sensorium für diese Fragen hat.
Calörtscher: Science-Fiction ist auch für mich immer eine Auseinandersetzung mit Dingen, die gerade jetzt passieren. Die Schriftstellerin Ursula Le Guin sagte dazu einmal, dass Science Fiction nicht bedeutet, etwas vorherzusehen, sondern etwas zu beschreiben.
Malyseva: Sarah, deine Stücke fühlen sich trotzdem immer etwas nach Zukunft an. Sind diese «Was-wäre-wenn»-Szenarien dann auch eine Art Eskapismus?
Calörtscher: Ich denke nicht, dass das nur Eskapismus ist. Die Schraube der Zeit eins weiterdrehen, den Raum ein bisschen für «Was-wäre-wenn» öffnen - genau da liegt für mich ein grosses Potenzial. Und das wirkt sich dann wiederum aus auf die Art und Weise, wie ich zum Beispiel im Alltag agiere und was für Entscheidungen ich treffe, wenn ich mögliche Szenarien und Konsequqnzen schon jetzt mitdenken kann.
Malyseva: Am Beispiel deines Stücks HERZ AUS POLYESTER ist das Szenario die Flucht auf den Mars. Ist das denn etwas, was tatsächlich eintreten könnte? Ist das eine mögliche Zukunft – oder ist diese Bewegung mehr verbunden mit einer Unfähigkeit, jetzige Probleme anzupacken – wie den Klimawandel oder unsere Müllberge?
Calörtscher: Es ist schon sehr unwahrscheinlich, dass die Menschheit tastsächlich auf den Mars verlegt wird, denke ich. Mich interessiert da aber auch eher, wie viel Energie und Ressourcen in dieses Projekt und die Gedanken darum investiert werden. Und es wäre eigentlich viel einfacher, direkt dort anzusetzen. Bei dem Nachdenken darüber. Was mich also interessiert, ist das, was eigentlich möglich wäre mit dieser Energie. Im Jetzt.
Thies: Genau! Und dieser Gedanken, diese Verlagerung, gibt Möglichkeit zum Atmen. Weil wenn man in diesem ganzen Wirrwarr, in dem wir uns befinden, über Zukunftstechnologien nachdenkt – die ja tatsächlich ein bisschen crazy sind – dann hilft es wahnsinnig, alles auf den Mars zu verlagern. Weil dann denkt man: «Ach ja, das ist ja nicht bei uns». So funktioniert es auch im Science-Fiction-Genre. Die Szenarien werden in eine andere Zeitzone verlagert und schon haben die Zuschauenden eine unglaubliche Energie, dranzubleiben. Das ist faszinierend, weil es einen Denkraum und die Bereitschaft ermöglicht, das Gehirn zu stretchen.
Malyseva: Maike, du erforscht immersive Räume. Das sind theatrale Räume, in die man eintreten kann. In denen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und virtueller Welt zerfliessen und in denen man die Realität ausserhalb fast vergisst. In klassischen Theaterstücken sitzen wir auch gerne in geschlossenen Räumen, im Dunkeln, und schauen auf eine Bühne. Glaubst du, die Zukunft von Computerspielen und Theateraufführungen sieht auch so aus, dass wir nicht nur geistig, sondern auch körperlich daran teilnehmen möchten?
Thies: Das ist lustig. Für mich ist es schon Immersion, wenn ich in einem Film bin. Oder wenn ich im Theater bin. Das ist für mich zum Teil sehr viel immersiver, als wenn ich mich in eine Virtual Reality (VR) begebe. Für mich ist Immersion ein Begriff, der das Abtauchen, als die totale Fokussierung auf etwas beschreibt, was mir dargeboten wird. Das kann ein Theaterabend genauso leisten wie ein guter Film. VR kann das auch leisten. Ich finde das sehr spannend.
Dieser Hype-Zyklus passiert gerade mit künstlicher «Intelligenz» – und ich habe ihn auch schon bei VR erlebt. Eine neue Technologie kommt auf den Markt, wird massiv gepusht, und es wird eine Zukunft entworfen, in der diese Technologie unverzichtbar scheint – auch von Investoren. VR war einmal ein absolutes Design-Objekt, diese Goggle-Brillen als Tor in eine andere Welt. Heute will sie kaum jemand mehr tragen. Der Markt ist abnehmend.
Geblieben ist die Faszination für das Thema. Auf Technologie wurde eine grosse Sehnsucht gelegt, von etwas verschluckt zu werden und abzutauchen. Ich wollte diesen Hype verstehen und habe mich dem total ausgesetzt. Ich bin an viele Veranstaltungen gegangen und das war alles so lieblos. In Messehallen, einmal in einem alten Krankenhaus. Die sind dort alle völlig verrückt rumgelaufen mit diesen Brillen. Da hat sich niemand die Mühe gemacht, irgendwo mal einen Teppich auszulegen oder zu schauen, dass das hygienisch abläuft.
Ich dachte, da läuft doch was schief. Und dann kam mir plötzlich die Idee, dass es wichtig wäre, Räume zu schaffen als Ausgangspunkt, um in diese Erfahrung einzutauchen. Dass man so eine Art Safe Space hat. Man braucht Vertrauen mit den Künstler*innen zusammen, diese Räume zu gestalten. Dass sich Besuchende akzeptiert fühlen und willkommen, auch im Hier und Jetzt und man nicht abhaut in das Virtuelle. Sondern weiss, ich komme wieder hierhin zurück und ich bin angereichert mit Wissen.
Und um zurück zum Punkt zu kommen: Ich glaube, diese künstlerische Arbeit macht einen wahnsinnigen Unterschied. Auch im Gegensatz zur restlichen Tech-Industrie, die oft suggeriert, dass das ein One-Way-Ticket ist, mit dem man einfach die Realität verlassen kann. Das vertrete ich nicht.
Malyseva: Sarah, du hast in einer Residenz in Heidelberg zum Themenfeld der Quantenphysik geforscht. Wie übersetzt man diese Themenfelder in einen dramatischen Text oder in ein Computerspiel? Wie kann man Komplexität zugänglich machen?
Calörtscher: Es ist total herausfordernd. Bei Quantenphysik war es das besonders, weil es wirklich sehr, sehr kompliziert ist.
Ich erlebe Prozesse häufig so: Ich tauche in das Thema ein und dann kommt die Lust und der Ehrgeiz, alles darüber wissen zu wollen. Ich öffne tausend Tabs und jedes Mal, wenn sich ein Tab öffnet, öffnen sich aufgrund von diesem Tab zehn weitere und irgendwann komme ich dann an einen Punkt, an dem ich realisiere: Ich kann das nicht, ich kann es unmöglich verstehen. Und dann muss ich immer umschwenken und anfangen zu suchen, was ich daraus destilliere. Das ist das Spannendste. Weil ich dann immer wieder auch zum Schluss komme: Ich bin ja Dramatikerin und nicht Wissenschaftlerin, ich kann das Schreiben als Werkzeug nutzen und theatrale Mittel als Werkzeug gebrauchen. Ich habe andere Formen von Vermittlung und Zugang und versuche dann all dieses Chaos im Kopf an konkrete Elemente im Raum zu binden. Ich habe bei meiner Recherche übrigens eine grosse Offenheit gespürt mir gegenüber.
Thies: Ja, das ist diese Verschränkung von Kunst und Wissenschaft. Das ist etwas, was jetzt gerade zunimmt. Wir und die Wissenschaft arbeiten ja irgendwie alle an demselben Problem – nur eben aus unterschiedlichsten Richtungen. Ich finde das sehr faszinierend, wenn dann so viele verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen. Was da entstehen könnte! Das ist auch ein bisschen meine Kritik am Schulsystem, dass das interdisziplinäre Denken und Arbeiten so wenig passiert. Wenn gleich es bei uns an der Zürcher Hochschule der Künste gerade schon passiert, dass kross-disziplinär studiert werden kann. Es wäre mein grosser Wunsch, dass Game-Designer*innen mehr mit Szenograf*innen und Dramaturg*innen zusammenarbeiten könnten. Weil das eigentlich dieselbe Materie ist. Das ist einfach der Switch vom physischen Raum ins Digitale und das könnte für beide Seiten total spannend sein.
Malyseva: Ich mache mal einen Bogen zur künstlichen «Intelligenz». Denkt ihr, sie ist eine Bedrohung für die Künste und das Theater?
Thies: Ich glaube, dass tatsächlich der KI-Technologie dann doch etwas fehlt. Etwas, was das statistische Normativ übersteigt. Wir sehen auch: Wir sind nicht alle Autor*innen. Und das hat einen guten Grund. Weil wir nicht alle die Fähigkeiten in uns tragen. Und ich glaube, die Leute, die diese Fähigkeiten haben, die haben die Chance, sich durchzusetzen. Sofern die Menschheit nicht aufhört, zu lesen. Und Theaterstücken beizuwohnen. Das ist vielleicht die Grundvoraussetzung für den Umgang mit der Zukunft. Wenn ich meine Studierenden im Game Design begleite, sehe ich - die sind in so vielen Bereichen wahnsinnig talentiert! Das ist unglaublich. Ihre Spiele, wenn sie auf den Markt kommen, die berühren und die transformieren. Und warum sollte es das nicht mehr geben? Die KI wird viele Arbeitsbereiche ablösen oder Zeit effizienter gestalten. Aber was machen wir mit der Zeit? Umso dringlicher wird das Handwerk – wenn wir nicht aufgeben, es zu lernen. Wir müssen also handlungsmächtig bleiben und ich glaube deswegen ganz besonders an die Kraft der Künstler*innen. Weil die brauchen wir in Zukunft.