Ueli Bräker

von Paul Steinmann

Die Lebensgeschichte des Armen Mannes im Tockenburg lässt uns ins Herz des Toggenburgs, in die tiefsten Gründe unserer eigenen Geschichte blicken. Als einfacher Salpetersieder verfolgt er die Wirren der Weltgeschichte, die Französische Revolution, die Gründung des Kantons Säntis, des späteren Kantons St. Gallen.

Stets sprüht er voller Leben, sein quirliger Geist lässt ihn nicht ruhen. In wenigen Wochen Schulbesuch in Krinau lernt er Lesen und Schreiben, daraus entwickelt er ein erstaunliches Literaturverständnis, er wird in den Lesezirkel der Toggenburgischen Moralischen Gesellschaft aufgenommen, die Werke von William Shakespeare kennt er auswendig.

Mitten in der zartesten Liebesgeschichte mit seinem hübschen Ännchen zieht er fort in fremde Söldnerdienste und kehrt kläglich als Deserteur aus der Schlacht bei Lobositz wieder heim nach Lichtensteig, sieht sich dort bitter enttäuscht, weil sein Ännchen nicht auf ihn gewartet hat, sie ist halt auch verplempert! Ännchen bleibt aber in seinen Erinnerungen zeitlebens sein herzallerliebstes Schätzchen.

Die Trotzheirat mit Salome bringt ihm nicht das erhoffte Glück, sein Leben lang muss er unter dem harten Regiment seiner strengen Ehegattin leiden. Einzig seine nächtlichen Fantasien, seine frische Schriftstellerei, seine Eskapaden in die billigen Lichtensteiger Bränzstuben öffnen ihm die Fenster zur Welt: Doch auch hier sieht er bittere Armut und Not, die 1760er Hungerjahre kosten zweien seiner geliebten Kinder das junge Leben. 1789 publiziert der Zürcher Verleger Hans Rudolf Füssli die Lebensgeschichte und Natürlichen Abenteuer des Armen Mannes im Tockenburg. Mit dem Erlös aus seinem erfolgreichen Werk kann Ueli für einige Zeit seinen Lebensunterhalt bestreiten, er wird berühmt und vom bekannten Maler Josef Reinhard portraitiert.

Und dann schallt der Ruf nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aus Frankreich. 1798 wird das Toggenburg aus der Vogtei des Abtes von St.Gallen in die demokratische Freiheit entlassen - doch was bringt die neue Freiheit den Toggenburgern? Misstrauisch, argwöhnisch und voller Sorgen betrachten sie die Freiheit wie ein unliebsames Kuckucksei. Kurz nach den ersten grossen Volksversammlung in Lichtensteig stirbt Ueli Bräker, verachtet und vergessen, in den Konkurs getrieben, vom Alkohol getröstet, versunken in die letzten Zeilen seiner Tagebücher, in seine Fantasien verträumt.

Wahrlich ein bitterer Blick in die Geschichte unseres Toggenburgs, und doch voller Lebenslust, voller Wärme und voller Hoffnung - eben die Geschichte des kleinen Mannes!