Totreif,
so nennen die Bauern das Korn, wenn es so trocken ist, dass man es
nicht mehr mit dem Fingernagel eindrücken kann, und es bereit ist zur
Ernte. Was heute maschinell gemacht wird, war früher Handarbeit: mit dem
Dreschschlegel auf die Körner einschlagen und sie so aus den Ähren
lösen, dann in der mit Wasser oder Wind betriebenen Mühle mahlen und
sieben, bis das Korn zu Mehl wird. Das Tote wird zur
Überlebensgrundlage.
Autorin Fabienne Lehmann wuchs auf einem
Bauernhof in Oberwil bei Büren auf. Geprägt von einer ländlichen Heimat
sowie von ihrer Studienzeit in Basel und Biel, trägt sie zugleich Erbe
und Wandel in ihrer eigenen Biografie. Sie beschäftigt sich in ihrem
Stück mit unseren Ursprüngen, mit dem, was wir «Zuhause» oder «Heimat»
nennen. Aber wie sieht sie aus, diese Heimat? Welche Leiblichkeit,
welche Geschichte geben wir ihr?
Das bäuerliche Landleben des
vergangenen Jahrhunderts ist ein wichtiger Teil der Schweizer
Erinnerungskultur und damit der nationalen Identität. In dieser
Selbst-Erklärung finden jedoch viele damit verbundene Wirklichkeiten
keinen Platz: die Jenischen, die als Fahrende Handel mit den Bauern
betrieben, Arbeiter*innen, die man «Gast» nannte und sie damit von der
eigenen Geschichte ausschloss. Und nicht zuletzt Frauen, die ein enormes
Arbeitspensum zu meistern hatten und deren Leistung doch kaum erwähnt
wird. Es sind Wirklichkeiten, die Fragen aufwerfen: Wer gibt vor, wie
die eigene Heimat aussieht? Was erzählen wir der jüngeren Generation
darüber, und was verschweigen wir? Und wie geht eine Nation damit um,
wenn sich immer mehr Menschen nicht als Teil, sondern als Lücke in ihrer
Geschichte fühlen? (Luzerner Theater)