Das Gespräch wurde moderiert von Dramaturgin Anna Bertram.
Melinda Nadj Abonji: Ich glaube, es gibt in «Campobello» mehrere Schichten: Das politische System, die Gewalt, wenn ich das mal ganz grob so nennen darf. Ich fand auch die Umsetzung ins Theatralische mit filmischen Elementen, die figurative Umsetzung, in dem diese Gewalt spürbar ist, sehr beeindruckend. Mein erster Eindruck ist: Das ist eine adäquate und eine schöne Form, dieses grosse politische Thema aufzunehmen. Auf der Bühne zu zeigen, dass das einen auch was angeht. Das muss ja die Menschen erreichen. Und für mich ist das wirklich sehr gut gelungen. Ich war von Anfang an dabei und habe viele Querbezüge machen können.
Anna Bertram: Wie habt ihr, Eva und Abou, euch kennengelernt und wie kam es zu «Campobello» in dieser Konstellation?
Eva-Maria Bertschy: Wir haben uns 2017 in Berlin kennengelernt. Ich habe mit Milo Rau zusammen eine Art Weltparlament an der Schaubühne gegründet. Abou war einer der Abgeordneten. Abou war einer der Abgeordneten. Ich habe ihn über seinen Film «Les Sauteurs» gefunden, der übrigens ein beeindruckender Film ist. Ein klassischer Dokumentarfilm, der viele Einblicke gibt in das Leben an der Grenze von Melilla, einer spanischen Enklave in Nordafrika. So sind wir dann in Kontakt geblieben. Wir haben immer wieder kleinere Sachen zusammen gemacht. Als ich nach Palermo gezogen bin, wollte ich ihn dorthin als Künstler einladen. Wir gründeten eine Stiftung und die Idee war, ihn zu einer Residency in Palermo einzuladen. Lange hat es nicht geklappt, weil Abou zu der Zeit noch keine Papiere (keinen gültigen Aufenthaltstitel) hatte und nicht reisen durfte. Irgendwann hat er seine Papiere bekommen und ich habe ihn eingeladen gemeinsam dieses Projekt zu entwickeln. Ich habe ihn gefragt, ob er nicht auch auf der Bühne sein will, und er stimmte zu. So ist das gekommen und dann waren wir einen Monat lang zusammen vor Ort in Campobello (Stadt auf Sizilien).
Abonji: Also wart ihr von Anfang an gemeinsam in diesem Projekt?
Bertschy: Ich war schon früher ein paar Mal in Campobello, aber die Recherche haben wir gemeinsam begonnen. Wir haben versucht uns mit dem Ort zu konfrontieren und mit den Leuten zu sprechen, was nicht einfach war. Sprechen wollte eigentlich niemand.
Bertram: Abou, du lebst in Berlin. Wir haben im Vorgespräch vereinbart, dass wir auch den Bogen hin zur aktuellen politischen Gegenwart hier in der Schweiz ziehen. Es geht im Stück «Campobello» um Marginalisierung und Prekarisierung, eher am Rande Europas, weit weg von Berlin. Die Frage ist: Zieht sich da in Berlin etwas fort? Wie lebst du gerade?
Abou Bakar Sidibé: Très bonne question. La vie à Berlin, depuis 2023 que j’ai eu mes documents, m’a aussi fait sentir et voir ce que ça fait d’avoir les documents. Qu’est-ce que ça fait d’avoir la liberté de bouger, d’aller, de quitter un point A pour un point B sans que personne ne te demande rien, sans avoir peur d’être contrôlé par la police.
Eine sehr gute Frage. Seit ich 2023 meine Papiere bekommen habe, habe ich in meinem Leben in Berlin auch gespürt und erlebt, wie es ist, Papiere zu haben. Wie es ist, die Freiheit zu haben, sich zu bewegen, zu gehen, von A nach B zu kommen, ohne dass jemand etwas fragt, ohne Angst davor zu haben, von der Polizei kontrolliert zu werden.
Depuis ce moment, j’ai commencé à prendre goût à la vie et à comprendre aussi que la vie est pleine de choses. C’était une lutte que j’avais commencée, et cette lutte, je l’ai terminée. Mais il y a encore d’autres luttes à mener dans ma vie si je dois rester à Berlin.
Seitdem habe ich begonnen, Freude am Leben zu finden und auch zu verstehen, dass das Leben voller vielfältiger Dinge ist. Es war ein Kampf, den ich begonnen hatte, und diesen Kampf habe ich zu Ende geführt. Aber es gibt noch weitere Kämpfe in meinem Leben, die ich führen muss, wenn ich in Berlin bleiben will.
C’est en ce moment que j’ai commencé à travailler. Mon premier travail, c’était avec REWE comme livreur. Quand j’ai commencé à travailler avec Rewe, j’ai vu que sans les documents et avec les documents, les salaires ne sont pas les mêmes et tu n’as pas le choix. Mais dès que j’ai eu les documents, j’ai vu que maintenant j’ai le choix du travail que je veux. Je n’ai pas peur de dire que si ça ne marche pas avec ce patron, je vais chercher un autre travail. Mais quand tu n’as pas les papiers, tu n’as pas le choix.
Damals habe ich angefangen zu arbeiten. Mein erster Job war bei REWE als Auslieferer. Als ich bei REWE anfing, habe ich gemerkt, dass die Löhne sehr unterschiedlich sind (mit und ohne Papiere) und man keine Wahl hat. Aber sobald ich die Papiere hatte, habe ich gemerkt, dass ich jetzt die Wahl habe, welchen Job ich machen will. Ich scheue mich nicht zu sagen: Wenn es mit diesem Chef nicht klappt, suche ich mir einen anderen Job. Aber wenn man keine Papiere hat, hat man keine Wahl.
J’ai commencé à travailler pendant quelques mois, et après j’ai décidé d’aller au Mali. J’ai informé REWE que je voulais aller au Mali parce que ça faisait très longtemps, depuis 2011, presque 10 ou 11 ans, que je n’avais pas vu le Mali et que je n’avais pas vu ma famille
Ich habe ein paar Monate gearbeitet und mich dann entschlossen, nach Mali zu gehen, weil ich meine Familie schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte – seit 2011, also fast 10 oder 11 Jahre.
Quand je suis revenu à Berlin, j’ai commencé à travailler avec amazon, aussi comme livreur. Quand j’ai commencé à travailler avec eux, j’ai vu qu’il y a tellement de choses qu’on ne comprend pas quand on n’a pas les documents et qu’on comprend quand on a les documents.
J’ai su avec Amazon qu’il y a aussi de l’exploitation, parce que nous travaillons plus que ce que nous gagnons. Donc, si je dois me souvenir un peu, revenir en arrière, voir comment les travailleurs travaillent à Campobello et voir comment les travailleurs travaillent avec Amazon à Berlin, en Allemagne, la première économie de l’Europe, on voit qu’il y a toujours de l’exploitation des travailleurs. Mais peut-être que les exploitations ne sont pas les mêmes, ne sont pas faites de la même manière.
Als ich nach Berlin zurückkam, fing ich an, bei Amazon zu arbeiten, ebenfalls als Fahrer. Ich merkte, dass es so viele Dinge gibt, die man nicht versteht, wenn man die Unterlagen nicht hat, und die man versteht, wenn man sie hat.
Bei Amazon habe ich gemerkt, dass es auch dort Ausbeutung gibt - denn wir arbeiten mehr, als wir verdienen. Wenn ich also ein wenig zurückdenke, zurückblicke und vergleiche, wie die Arbeiter in Campobello arbeiten und wie die Arbeiter bei Amazon in Berlin (in Deutschland, der führenden Wirtschaftsmacht Europas) arbeiten, sieht man, dass es immer noch Ausbeutung gibt. Aber vielleicht ist die Ausbeutung nicht dieselbe, wird nicht auf dieselbe Weise betrieben.
Après, j’ai commencé à travailler jusqu’à maintenant avec Uber et Bolt, qui sont aussi un peu pires qu’Amazon. Tu as les congés bien sûr, mais les congés ne sont pas payés et quand tu es malade, la maladie n’est pas payée. Tu paies la «Krankenkasse» et les «Sozialabgaben», mais tu n’en profites pas quand tu es malade ou quand tu pars en vacances pour les congés.
Et ça, c’était dans le domaine du travail. Avec la culture, je pense que oui, quand il y a des appels d’offres. J’essaie avec Eva de postuler comme candidat à ces différents appels d’offres. Malgré tout, souvent, on n’a pas la chance d’être accepté. Je suis sollicité par des gens qui veulent parler de l’immigration, qui veulent parler de la politique pendant des sessions, pendant des rencontres. Et je suis sollicité dans ce domaine.
Et à part ça, je pense que tout va bien, parce que je suis avec mes amis, on se voit, on mange ensemble, on parle de l’actualité. Voilà, tout va bien.
Danach habe ich angefangen bei Uber und Bolt zu arbeiten, die auch nicht viel besser sind als Amazon. Du hast natürlich Urlaub, aber der Urlaub wird nicht bezahlt, und wenn du krank bist, wirst Du nicht bezahlt. Du zahlst die Krankenkasse und die Sozialabgaben, aber du profitierst nicht davon, wenn du krank bist oder wenn du in den Urlaub fährst.
Und das betraf den beruflichen Bereich. Was die Kultur angeht, kann man profitieren, wenn es Ausschreibungen gibt. Ich versuche mich zusammen mit Eva als Kandidat für verschiedene Ausschreibungen zu bewerben. Trotzdem haben wir oft nicht das Glück, angenommen zu werden. Ich werde von Leuten angesprochen, die über Einwanderung sprechen wollen, die während Sitzungen und Treffen über Politik sprechen wollen. Und ich werde in diesem Bereich angefragt.
Abgesehen davon läuft alles gut: ich bin mit meinen Freunden zusammen, wir treffen uns, essen gemeinsam und reden über aktuelle Ereignisse. So, alles ist gut.
Bertram: Ihr habt sehr dokumentarisch gearbeitet und recherchiert, fast schon soziologisch. Eine politische Art des Theaters, die im Kulturbetrieb und in den Institutionen hier nicht alltäglich ist. Die Vorpremiere war in Italien, in Palermo, und dann seid ihr mit dem Stück hier nach Zürich gekommen. Habt ihr beim Entstehungsprozess des Stücks an ein bestimmtes Publikum gedacht? Ist der Abend für ein Schweizer Publikum gemacht, für ein Italienisches, oder war diese Frage gar keine Kategorie?
Bertschy: Ich recherchiere bei meinen Stücken immer sehr lange und versuche eine klare Geschichte zu erzählen. Es geht mir dann darum, alles zu synthetisieren. Es gibt Figuren und es gibt eine Geschichte, die einen Anfang und ein Ende hat. Es gibt eine Dramaturgie über die ich hoffe, dass ich das Publikum auf eine Reise mitnehmen kann. Ich denke immer, wenn es für mich interessant war, was ich herausgefunden habe, wird es hoffentlich für das Publikum auch interessant sein, egal woher sie sind. Das ist meine Hoffnung. Bei «Campobello» war es ein bisschen anspruchsvoller, weil ich das Stück auch für Sizilien gemacht habe, wo ich fünf Jahre gearbeitet und gelebt habe. Ich habe es für die Sizilianer*innen gemacht. Und ich war natürlich die Schweizerin, die dieses Stück gemacht hat. Aber ich wollte, dass es auch für sie Sinn macht und es nicht nur bei diesem Aussenblick bleibt. Gleichzeitig wollte ich, dass es für ein Schweizer Publikum funktioniert - das vielleicht von Sizilien nicht so viel weiss, ausser dass es die Mafia gibt und Migrant*innen in Booten ankommen - und dass das Schweizer Publikum mit diesen beiden Informationen oder Bildern im Kopf der Geschichte trotzdem folgen kann.
Abonji: Beim Zusehen ist mir ein Begriff von Walter Benjamin eingefallen, der davon sprach, dass Geschichte unterdrückt wird. Es gibt ein aktives Unterdrücken der Geschichte, das wir nicht mitbekommen. Das Saisonierstatut, das ANAG (dieses Gesetz über den Aufenthalt und die Niederlassung der Ausländer in der Schweiz) das 1934 schon in Kraft getreten ist und fast 70 Jahre Geltung hatte, die Mehrheitsgesellschaft weiss einfach nichts darüber. Als ich jetzt «Campobello» gesehen habe, dachte ich, ich bin ein informierter Mensch und trotzdem habe ich vieles nicht gewusst. Diese Arbeiten, die essayistisch, künstlerisch, theatral sind, sind dazu da, dass wir diese unterdrückte Geschichte erzählen. So erzählen, dass man am Schluss das Gefühl hat: Ich weiss nicht nur mehr, ich fühle auch mit. In einer Zeit, und er wir ständig mit Fake News konfrontiert sind und uns extrem vieles nicht mehr klar ist, ist das eine wichtige Arbeit. Wir müssen darauf bestehen, dass es Faktizität gibt, Recherche und Hinwendung zu den Menschen. Es braucht Zeit, um das zu tun. Es braucht Mut, um diese Zusammenhänge zu sehen. Das ist ganz wichtig: Die verschüttete, unterdrückte, unterbelichtete Geschichte aufzuzeigen.
Bertram: Ja, aufzuzeigen und auch spürbar zu machen. Ich finde den Abend sehr poetisch und atmosphärisch. Er fasst mich in vielen Momenten unvermittelt an. Eva und ich hatten im Vorgespräch darüber gesprochen, wie man mit rassistischen Aussagen vom Gegenüber umgeht. Also nicht nur mit Strukturen, sondern explizit mit Menschen. Eva, du hast für Sachlichkeit plädiert, also für Fakten. Man spürt genau das auch in deinem Stück, dass du sehr präzise und historisch recherchierst. Damit du im nächsten Schritt dann eine Art Nüchternheit hast, um in all die Emotionswellen wieder eine Klarheit zu bringen. Gleichzeitig spricht dein Abend auch stark über Emotionen. Wie inszenierst du? Machst du dir Gedanken über die Vermittlung der Inhalte?
Bertschy: Ja, natürlich denke ich auch darüber nach. Wo gehen wir auf einen Höhepunkt der Geschichte zu und was ist eigentlich in dieser Geschichte das, was uns berührt. Es baut sich langsam auf und dann kommt irgendwann das Feuer. Es sind Versuche zu sagen: es gibt ein Problem, das aber ungehört bleibt. Und da ist dieses politische Négligence, das kein Unwille ist, sondern eine Fahrlässigkeit zu sein scheint. Und plötzlich endet es in einer Katastrophe. Das ist so intendiert und konstruiert. Es gibt aber auch Emotionen, die die ganze Zeit von den Medien und von Aktivist*innen bedient werden. Wie zum Beispiel die Geflüchteten im Mittelmeer: Es ist eine Geschichte, von der die Leute müde sind, sie nochmal und nochmal zu hören. Man muss aufpassen, was mit den Gefühlen passiert, wenn eine Geschichte wiederholt und wenn immer wieder an das Mitleid appelliert wird. Die Geflüchteten werden nicht als Akteure wahrgenommen. Sie kommen an und man nimmt sie nicht als Leute wahr, die einen Willen hatten und entschieden haben, auf diese Reise zu gehen. Vor dieser Art von Gefühlen sollten wir uns in Acht nehmen. Ich glaube Mitleid ist nicht das, was wir brauchen in dem Moment. Mitleid ist nicht ein Gefühl, das zum Handeln führt. Wir brauchen verantwortungsbewusste Menschen, die versuchen etwas zu ändern. Wir müssen schauen, welche Art von Emotionen wir tatsächlich produzieren.
Abonji: Ich würde zwischen Affekten und Gefühlen unterscheiden. Ich verteidige immer gerne das Gefühl auf der Grundlage einer Vernunft und einer Verantwortung. Deswegen finde ich Verantwortungsgefühl eine sehr wichtige Kombination, wenn es um politisches Arbeiten geht. Dieses Affektive, das wird multimedial bedient und ausgebeutet. Da bin ich mit dir einig. Aber ansonsten, mit dem puren Verstand, erreichst du die Leute nicht. Es braucht Mut und auch viel Gefühl. Affekthandlung, das finde ich auch, bringt nichts.
Bertram: Wir haben vor der Vorstellung über die sogenannte 10-Millionen-Schweiz-Initiative der SVP geredet. Es soll bis 2050 die Einwohner*innenzahl der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden. Vielleicht in die Zukunft oder auch anhand der Vergangenheit gefragt: Was hat dieser Abend mit dieser Initiative zu tun?
Abonji: Ich habe bei meinen Recherchen gemerkt, dass es einen Bogen zu den 30er-Jahren gibt. Denn es ging damals auch darum, den Familiennachzug einzuschränken. In der Schweiz durften Saisonniers keine Familie haben. Es gab ein explizites Familienverbot. Ich war ein illegales Kind, durfte nicht bei meinen Eltern leben und lebte versteckt bei einer Pflegefamilie. Ich war nicht die Einzige. Dieses Saisonnierstatut hat eine halbe Million Familien auseinandergerissen. Das sind die neuesten Zahlen. Und genau dieses Saisonnierstatut wird wiederbelebt, wenn die 10-Millionen-Initiative in der Schweiz durchkommt. Das ist eine Sache. Die andere Sache ist, dass die bilateralen Abkommen dann aufgekündigt werden. Auch das Recht auf Asyl, finde ich, wird viel zu wenig in den Medien besprochen. Das ist jetzt schon sehr stark beschnitten und wird mit dieser Initiative sistiert. Ich sehe da starke Bezüge zum Stück: Die Ausbeutungsgeschichte, die in anderen Ländern existiert, aber eben auch in der Schweiz.
Bertram: Die Personenfreizügigkeit wird sich neben dem Asylgesuch, sollte die Initiative angenommen werden, ebenfalls verändern. Im Stück spielt Europa auf einer musikalisch-ästhetischen Ebene auch eine Rolle. Es gibt Momente der Ironie, sowie sarkastische Verschiebungen. Ihr habt ein Song gesungen, der am Eurovision Song Contest 1990 war: «Insieme: 1992». Dort heisst es unter anderem «Unite, unite Europe». Was für eine Beziehung zu Europa steckt dahinter?
Bertschy: Ich fand es ziemlich absurd, als ich dieses Lied von Toto Cutugno entdeckt habe. Damals war das ein Hit. Er hatte davon 1990 gesungen, bevor das Projekt Europa tatsächlich losging. Er als Italiener hat sich darüber gefreut, dass er zu diesem Europa gehören wird und plötzlich frei reisen kann. Wenn man die Worte heute hört, klingt das fast schon sarkastisch, aber für viele südeuropäische Staaten war das wichtig, in diesem Moment zu Europa dazuzugehören. In Sizilien habe ich gemerkt, was mir vorher nicht klar war, dass in dem Moment, wo man die Grenzen in Europa geöffnet hat, man die Aussengrenzen dicht macht. Die Grenze zwischen Sizilien und Tunesien war zum Beispiel immer offen. Die Tunesier sind nach Sizilien gefahren um einzukaufen am Wochenende oder um eine Party zu feiern. Es war normal, dass man hin und her gefahren ist. Viele Tunesier sind auch oft für die Olivenernte nach Sizilien gereist. Sie haben zwei, drei Wochen gearbeitet und sind dann wieder zurück. Dann kam die EU und der Schengen-Raum. Die Aussengrenzen wurden zugebunkert und Europa hat sich verändert. Jetzt scheint es so, als ob man in der Schweiz gar nicht mehr an die Notwendigkeit glaubt, dazuzugehören zu diesem Schengen-Raum, obwohl man sich der Konsequenzen gar nicht bewusst ist. In Italien ist die Situation eine andere, weil viele Migrant*innen in Italien ankommen. Man merkt, dass es schwierig für sie ist damit umzugehen und gleichzeitig sind die Gesetze und Regulierungen so kompliziert, dass es für Westafrikaner*innen unmöglich ist, irgendwann in einer Legalität zu leben. Denn man braucht entweder eine Aufenthaltserlaubnis oder einen Wohnsitz. Dann braucht man eine Arbeit, doch man rennt Dokumenten hinterher, die sich gegenseitig versiegen. Dass es so kompliziert ist für die Leute, scheint irgendwann sehr gewollt. Weil man diese prekären Arbeiter*innen braucht – und wenn sie keine Dokumente haben, können sie besser ausgebeutet werden. Mit der ganzen politischen Entwicklung und dem Umstand, dass die wirtschaftlichen Akteure – das beunruhigt mich am meisten – sich weltweit auf die rechtsradikale Linie einschiessen, frage ich mich, ob sie das nicht vielleicht wollen. Sie brauchen Leute, die irgendwo illegal sind, weil sie diese prekären Arbeiter*innen brauchen. Das klingt verschwörungstheoretisch, aber vielleicht ist es gar nicht so weit von der Realität entfernt. Und wenn man die Geschichte anschaut, war es eben genau so.
Abonji: Wenn man das am eigenen Leib erfahren hat, dann ja. Es gibt das A, B, C, N, S und F-Statut in der Schweiz. Das ist die Realität. Man muss immer den Papieren nachrennen, auch heute noch. Das ist extrem kompliziert, extrem hierarchisch. Auch die Migrant*innen werden gegenseitig gegeneinander ausgespielt. Mit der Ukraine war die Arbeitsbewilligung gegeben, während andere Menschen aus Syrien zum Beispiel nicht arbeiten durften. Das ist nicht logisch.
Bertram: Dieses Nach-unten-Treten wird auch ganz spürbar in «Campobello». Italienische Personen, die in Sizilien leben, davor teilweise in der Schweiz gelebt haben, dann aber gegen andere Ausländer*innen nach unten treten. Dieses Prinzip ist fast schon pathologisch, wenn wir uns gesellschaftspolitisch umsehen. Eine offene Frage an euch drei: Gegen wen oder was müssen wir akut treten?
Bertschy: Gegen die Verantwortlichen in der Politik und in der Wirtschaft. Aber ich glaube, für mich ist Campobello als Ort auch allgemeingültig in dem Sinne: Je intransparenter die Politik und die Wirtschaft agiert, desto mehr treten sie nach unten. Weil das der einzige Ort ist, wo sie noch was ausrichten können. Und das ist in Campobello der Extremfall, weil die Mafia dort regiert und die Mafia eine komplette Intransparenz schafft. Je weniger sich die Leute mit ihren Problemen von den Institutionen gehört fühlen, desto stärker passiert das. Ich habe das Gefühl, das spürt man auch in Nordeuropa. Je intransparenter es oben wird, desto mehr glaubt man, nur nach unten treten zu können.
Bertram: Der Abend ist auch ein Abend der Gemeinschaft und Empathie. Einer Freund*innenschaft und Solidarität. Es gibt Momente der Anklage, aber das Thema der Verbindung ist spürbar. Abou, ihr seid auf der Bühne und stellt dar und spielt. Gleichzeitig bist du nicht nur als Amadou, aber auch eben als du selbst, als Abou auf der Bühne. Wie viel Amadou bist du auf der Bühne und wie nah bist du ihm? Wie war der Prozess mit deiner Schauspielkollegin Daniela Macaluso?
Sidibé: Tout d’abord, il faut dire que ça a été un travail remarquable d’Eva. Je ne suis pas comédien et ce n’est pas facile pour moi de jouer, d’être Abou et après d’être Amadou. Au début, ce n’était pas facile pour moi. Daniela, déjà, elle est comédienne, elle sait comment ça marche. Je pense que le travail était remarquable, et le fait de m’aider à m’adapter à ces deux personnages, je pense que ça m’a encore beaucoup aidée. Je dirais que les deux m’ont donné l’envie de jouer les deux personnages, parce que quand j’étais dans le champ, je voyais aussi ce qu’il se passait. Tout ça, c’est quelque chose que tu dois jouer en personne: ce qui se passe dans le champ, entre les propriétaires terriens et l’histoire de la mafia, et aussi avec les migrants. Je pense que c’est quelque chose de très difficile. Je ne dirais pas que c’était trop difficile, mais je dirais que c’était un travail remarquable de balancer entre Amadou et Abou.
Zunächst einmal muss man sagen, dass Eva hier hervorragende Arbeit geleistet hat. Ich bin kein Schauspieler, und es fällt mir nicht leicht, zu spielen, erst Abou und dann Amadou zu sein. Daniela hingegen ist Schauspielerin, sie weiss, wie das funktioniert. Ich finde, die Arbeit war bemerkenswert. Dass Daniela mir geholfen hat, mich an diese beiden Figuren anzunähern, hat mir, glaube ich, sehr geholfen. Ich würde sagen, dass sie mir Lust gemacht haben, die beiden Figuren zu spielen, denn wenn ich auf dem Feld war, habe ich auch gesehen, was dort vor sich ging. All das ist etwas, das man persönlich spielen muss: was im Bild passiert, zwischen den Landbesitzern und der Mafia-Geschichte, und auch mit den Migranten. Ich finde, das ist etwas sehr Schwieriges. Ich würde nicht sagen, dass es zu schwierig war, aber ich würde sagen, dass es eine bemerkenswerte Leistung war, zwischen Amadou und Abou zu balancieren.
Abonji: Ich fand es interessant, dass das auf der Bühne thematisiert wurde. Du hast gesagst, du seist kein Schauspieler, und das habe ich auch politisch gelesen. Das ganze Spiel ist kein Spiel, sondern es geht um eine Ebene des Ernstnehmens, was da gespielt wird. Das fand ich remarquable (bemerkenswert), dass ihr das so umgesetzt habt auf der Bühne.
Bertschy: Ich muss sagen, ich habe dieses Stück auch den Aktivist*innen gewidmet, die ich in Palermo und Campobello angetroffen habe. Seit Jahren versuchen sie etwas an dieser Situation zu verändern. Doch wie man im Stück sieht, stossen sie einfach immer wieder an diese Mauer und kommen nicht weiter. Wenn sie einen kleinen Erfolg haben, kommt wieder die nächste Hürde. Ich habe sie während der Jahre beobachtet und begleitet. Jede Woche sind sie dahin gegangen um mit den Leuten zu sprechen und zu versuchen sie da rauszuholen. Das finde ich total beeindruckend. Und wir sollten die Leute, die das tun, die diesen Mut haben, unterstützen.
Bertram: In der WOZ gab es diese Woche eine Kritik zu «Campobello». In der vorletzten Zeile wird die Frage gestellt, ob das ein Abend für die «linke Bubble» sei. Der Artikel löst diese Aussage direkt selbst wieder auf und sagt, es ginge doch eben um Zugewandtheit und um gemeinsame Anwesenheit. In dem Sinne: Vielleicht müssen wir diese politischen Kreise eben stärken. Und zwar mit Analyse und Zusammenhängen. Es ist toll, diese Komplexitäten in eine Klarheit zu bringen auf eine sinnliche und poetische Art und Weise. Das entlastet, schärft und bekräftigt mich als Publikum. Das tut gut, hier zusammen zu sitzen. Wahrscheinlich müssen die Kreise nicht nur erweitert werden und sich in die Mitte bewegen, sondern sich auch von innen stärken und Verbundenheit spürbar machen.