13.10.2026

Lars Werner, Anna Bertram

Ein Grundrauschen in Staatssystemen

Wie blicken Autor*innen auf die Gegenwart? Wie beschreibt und kommentiert neue Dramatik die heutige Zeit? Und welche Themen und Politiken drängen sich auf? Die Reihe ZEITGENOSS*INNEN stellt sich mit Autor*innen und Künstler*innen diesen Fragen.

Im zehnten Gespräch dieser Reihe unterhielt sich Autor*in Lars Werner mit der Dramaturgin und Theaterkritikerin Anna Bertram über Desinformation, die Erosion gemeinsamer Werte und die Handlungsmöglichkeiten von Theater.

Anna Bertram (AB): Lars, du schreibst in deinem Stück Das Ende des Westens über die Vorgeschichte und Entwicklung von Desinformation. Wenn wir in die Zukunft blicken: Was sind deine Prognosen?

Lars Werner (LW): Als Autor*in arbeite ich gerne aus höchstens zwei Jahren Vergangenheit heraus, also rückblickend. Wenn man zu KI und Technologien arbeitet, rennt man sonst eigentlich immer hinterher. An der Handlung von Das Ende des Westenshabe ich 2021 begonnen zu arbeiten, bis etwa 2023. Eine Prognose wäre vielleicht: Was jetzt da ist, wird sich verschärfen. Durch KI und weitere Entwicklungen wird es schwieriger auseinanderzuhalten, was wer wo gesagt hat – und was wahr ist. Was Wirklichkeit ist, wird in Zukunft noch viel mehr Gegenstand politischer Debatte werden.

Lars Werner

AB: Wo liegt für dich die Verantwortung der Kunst? Wie nimmst du deine Rolle als Theaterautor*in in dieser politischen Welt wahr, die du gerade beschrieben hast?

LW: Eine gewisse Verantwortung liegt für mich darin, dass ich durch meine Recherche in die Position komme, Wissen vermitteln zu können. Antifaschistisches Bewegungs-Wissen, Anti-Tech-Lobby-Wissen, und so weiter. Aber ich möchte dabei auch nicht die Lust verlieren, künstlerisch mit dem, was ich erlerne, umzugehen. Die Verantwortung der Künste in der Zukunft ist natürlich auch: Sich klar gegen den Autoritarismus zu stellen. Mir scheint, dass das Theater zu oft danach fragt, was getan werden muss, damit auch wieder Leute, die zum Beispiel die AfD wählen, ins Theater kommen. Nein – macht doch ein grösseres Angebot, warum die Leute, die nicht die AfD wollen, wieder ins Theater kommen. Schaut, was sie an den Häusern brauchen. Ich denke, das ist eigentlich Nahbarkeit, das ist eine Entkanonisierung, oder ein Aufbrechen des Kanons, dass er offener ist für die viel diversere Gesellschaft, die mittlerweile agiert. Da hat Kunst die Verantwortung, sich selbst zu befragen, wie viele Ausschlüsse sie produziert. Und diese wieder einzuholen. Und klar zu benennen.

AB: Und auch Positionen zu beziehen?

LW: Ja, auf jeden Fall. Es gab eine ganze Phase, jetzt, während des Erstarkens der AfD, da gab es viele Stücke, in denen man sich lustig gemacht hat, vor allem über die Sprache von AfD Wähler*innen. «Ja seht mal, wie krass, aber auch ein bisschen dumm.» Doch das ist ein Spiel, das man nur verlieren kann.

AB: In Das Ende des Westens zeigst du nicht unbedingt Parallelen, aber doch ähnliche Mechanismen politischer Kommunikation im Osten und im Westen. Greife ich zu weit, wenn ich dich danach frage, ob du unterschiedliche Faschismen in Russland und den USA beobachtest?

LW: Der Faschismusbegriff fliegt aktuell die ganze Zeit hin und her. Genau diese Aushöhlung von Begriffen ist Teil einer Faschisierung der Gesellschaft: dass gewisse Dinge ihre Bedeutung verlieren, dass Begriffe ihre Aussagekraft einbüssen und man irgendwann gar nicht mehr wirklich benennen kann, wenn jemand tatsächlich etwas Schlechtes getan hat. Und das haben Rechte vorangetrieben, diese engen «Meinungskorridore» – wie sie das genannt haben – so weit zu öffnen, bis die Worte ihre Bedeutung verloren haben. Man kann jetzt quasi das Rassistischste überhaupt sagen – und im nächsten Moment: «Aber it's a joke» und so weiter. Ich habe das Gefühl, die Tendenz zum Faschistoiden ist gerade ein Grundrauschen in allen Staatssystemen, zumindest in sehr vielen. Vom Westen bis zum Osten. Das hat viel mit der Verknappung von Rohstoffen zu tun, ganz viel mit den immer erweiterten Endstufen des Kapitalismus. In dieser Form von Kapitalismus, in der wir jetzt sind, kann kaum noch suggeriert werden, dass es ein freiheitliches System ist. Die Leute merken ja, dass es ganz, ganz klare Ungleichgewichte gibt. Diese Ungleichgewichte werden mit Stärke, mit Führerkult und mit Glorifizierung von Männlichkeit wettgemacht. Und da sind sich die unterschiedlichen Auswüchse des Faschismus dann überall sehr einig miteinander. Dieser Fokus auf Männlichkeit, dieses Schlechtmachen von nicht-weissen Einwanderer*innen, Transmenschen und weiteren marginalisierten Gruppen. Das haben sie ja alle gemein und da sind sie erstaunlich einfach und einfallslos.

Dramaturgin Anna Bertram

AB: Gibt es demnach einen Ort, an dem du Das Ende des Westens am liebsten inszeniert sehen würdest?

LW: Nein. Das Stück wird gerade an vielen Orten gezeigt und es ist unglaublich schön, dass es übersetzt und gelesen wird. Wir hatten eine Lesung in Tel Aviv im Goethe-Institut, inszeniert von Rikki Assor, einer guten Freundin. Dort war für mich spannend, dass alle Beteiligten meinten: Ja, hier müssen wir über Desinformation sprechen und zwar ganz, ganz dringend. Und in Tel Aviv scheint dies eine ganz andere Notwendigkeit zu haben als hier in der Schweiz etwa, wo ja der Zugriff zum Stück die Beobachtung war, dass so vielen Sachen politisch «von aussen» zugesehen wird, man aber probieren müsste, da selbst mitreinzugehen. In Kanada, wo wir bald eine Lesung (inszeniert von Michelle Mohammed) haben, ist der Zugang und sind die Gespräche übrigens ähnlich, mit der Frage: Wie kommen wir da ran? Das Stück wird gerade auch in Sarajewo übersetzt. Dort haben die Menschen wiederum eine andere Nähe zu Russland. Ich finde das natürlich toll, dass Das Ende des Westens dort die Menschen abholt. Menschen, die auch mit der Widerständigkeit gegen russische Expansionspolitik wirklich Kunst betreiben – im Angesicht dieser Gefahr. Es gibt also keinen Ein-Wunsch-Place, sondern wir sollten überall über Desinformation sprechen. Ich habe das Gefühl, dass alle wissen, dass es Desinformation gibt. Aber dass Desinformation und ihr Ausmass wirklich so ein Riesenproblem sind – das ist vielen nicht so richtig bewusst.

AB: Sascha ist deine Protagonistin in Das Ende des Westens. Was ist dein Verhältnis zu ihr? Wie nah bist du der Figur und wie hast du Sascha kennengelernt?

LW: Sascha war von Anfang an da. Als ich den ersten Impuls hatte, das Stück zu schreiben. Ich hatte die Idee schon mehrere Jahre mit mir herumgetragen und irgendwann habe ich die Story einem Freund am Frühstückstisch erzählt. Der meinte dann: «Schreib da doch endlich drüber.» Dann bin ich nach Hause und irgendwie waren dann auf dem Heimweg plötzlich Sätze. Das passiert manchmal.

AB: Vollständige Sätze des Stücks hattest du bereits im Kopf?

LW: Nicht ganz. Ich bin nach Hause und war so «shit, shit, shit, ich muss an den Laptop». Das klingt jetzt nach einem Autor*innen-Klischee, aber es ist manchmal wirklich so. Die ersten Sätze waren da. Und es war dann auch schnell klar, dass ich mit ihr (Sascha) anfange. Wie sie da vor ihrem Kaffee steht. Und damals hat sich dann von selbst aufgebaut, wer sie ist. Weil sie auch Aspekte von mir in sich trägt. Da ist es immer gut, über eigene Sachen an der Figur anzudocken, damit man sie aufbauen kann. Und trotzdem ist Sascha ganz weit von mir entfernt. Sie ist ab einem Punkt auch Ergebnis von viel Recherche gewesen. Wer sitzt da in diesen Büros und betreibt die Fehlinformationen? Das sind ziemlich normale Student*innen, die für einen mittleren bis guten Lohn arbeiten. Dann habe ich mir vorgestellt, wer das sein könnte und auch versucht, moralische Grautöne in die Figur einzubauen. Und so habe ich Sascha kennengelernt, weil sie später auch Dinge für mich im Text machen musste, damit gewisse politische Facetten vorkommen. Immer wenn dann etwas dazugeschrieben wurde, hat sie das als Figur natürlich auch verändert.

AB: Lars, glaubst du an Demokratie?

LW: Ja, glaube ich. Ich glaube aber auch, dass Demokratie nur antifaschistisch möglich ist. Ich glaube an sie nur, wenn sie das Antifaschistische als Kern ihres Anliegens hat und sie keine Schönwetter-Demokratie ist. Damit meine ich die gewisse Arroganz einer Mitte, die über Jahrzehnte Demokratien platt gemacht hat. Ich denke, dass es wesentliche Aspekte zu verteidigen gilt. Ich denke aber auch, Demokratien müssen sich ändern und sozialer werden. Mehr, als sie es in den 90ern oder Nuller-Jahren waren. Und gerade mit dem, was aktuell übrig ist von den Demokratien des Westens, hoffe ich, dass wir uns wieder besinnen werden. Darauf, dass das, was gerade als Gegenangebot im Raum steht, tatsächlich nirgendwo hinführen wird.