Leben nach der Kunst

von Andreas Liebmann

Irgendwann ist er da: der Moment, in dem der letzte Vorhang fällt. Bis dahin war das Leben vom Lampenfieber, von den Aufführungsterminen auf den großen und kleinen Bühnen, von der künstlerischen Meisterleistung geprägt. Ob als Sängerin, Tischler oder Leiterin des Künstlerischen Betriebsbüros, der ganze Tagesablauf war von Proben und Aufführungen bestimmt, von den Vorbereitungen auf und hinter der Bühne. Und nun? „Ein Leben nach der Kunst gibt es nicht“, sagt die eine, „Auf einmal wird man nicht mehr gebraucht“ und „Da muss man sich erst mal dran gewöhnen, dass man keinen Druck mehr hat“, die anderen.
Die Rente stellt in jeder Biografie eine Zäsur dar. Für manche bedeutet sie gewonnene Freiheit, für einige beängstigende Leere, doch auf jeden Fall krempelt sie den kompletten Alltag um. Was uns allen bevorsteht, wenn wir alt werden, stellt sich bei Bühnenkünstler*innen und Mitarbeiter*innen eines bedeutenden Opernhauses wie der Semperoper als Frage besonders prägnant: Wer ist man eigentlich, wenn man nicht mehr zu einer so durchaus identitätsstiftenden Institution gehört?
Ehemalige Mitarbeiter*innen der Semperoper treffen an diesem Abend noch einmal aufeinander und erzählen von ihrer Arbeit auf und hinter der Bühne – als eine heitermelancholische Arie auf vergangenen Ruhm – sowie von ihrer persönlichen Neuerfindung, nachdem die Scheinwerfer erloschen sind. Ihre Berichte sind aufs Engste verknüpft mit den politischen Turbulenzen der letzten Jahrzehnte und spiegeln deutsche und ganz konkret Dresdner Zeitgeschichte.

Historie des Stücks