19.2.2024

Caren Jess, Marie Duchêne

«Ich konnte endlich dem Bedürfnis nachgehen, auch mal in einer Fussnote emotional zu werden.»
2023 Caren Jess Jewgeni Roppel frei fuer Verlag und Theater Dritte bitte an www jewro de wenden 2

©Jewgeni Roppel

Caren Jess ist in Schleswig-Holstein aufgewachsen und studierte Deutsche Philologie und Neuere Deutsche Literatur in Freiburg im Breisgau und Berlin. Schon als Jugendliche war sie ein grosser Theater-Fan; seit den späten 2010er-Jahren mischt sie sich als Dramatikerin selbst in den Theaterbetrieb ein.


Für das Heidelberger Widerstandsfestival Remmidemmi schrieb sie «Das Stillleben», das am 29. Februar 2024 zur Schweizer Erstaufführung kommt. Im Gespräch erzählt Caren Jess von ihrer Begeisterung für die Langeweile des Biedermeiers, für emotionale Fussnoten und von der Kraft verbaler Aggression.


Das Gespräch mit Caren Jess führte Marie Duchêne, die Projektleiterin des ZENTRUM FÜR DRAMATIK, während der Endproben am Theater Winkelwiese.

Marie Duchêne: Du hast Deutsche Philologie und Neuere deutsche Literatur studiert. Wie bist du zum Schreiben fürs Theater gekommen?

Caren Jess: Das ist immer so eine Frage, auf die es eine unendlich lange Antwort gibt. Ich habe schon als Jugendliche gern Theater geschaut und ich hatte ganz konservativ-provinziell ein Abo fürs Schleswig-Holsteinische Landestheater. Nachdem ich dann in Hamburg und München mal ein grösseres Stadttheater besucht hatte, war mein Herz vollends entflammt. Ich habe zu der Zeit schon geschrieben, aber mehr so lyrische Sachen. Ernsthaft in den Theaterbetrieb eingemischt habe ich mich erst in den späten 2010er-Jahren. Ich habe mir sehr lange gar nicht zugetraut Autorin zu sein, auch da spielt mein provinzieller Hintergrund eine Rolle.

In deinem Stück Das Stillleben betrachtet eine Geisteswissenschaftlerin ein Stillleben – auf dem sich ausnahmsweise auch ein Mensch befindet, Frank. Er ist ebenso regungslos wie das biedere Interieur um ihn herum und zieht sich lieber ins Private zurück, als rauszugehen. Gab es einen Schlüsselmoment, in dem du gemerkt hast: Der Biedermeier ist nicht unbedingt Geschichte?

Ich würde verschiedene Sachen dazu erzählen wollen: Einmal war der Biedermeier die erste Epoche in meinem Studium, die mich richtig begeistert hat, obwohl ich lange Zeit gedacht hatte, das sei die langweiligste Strömung, über die man sich unterhalten kann. Aber letztlich fand ich genau das spannend. Wie kommt es eigentlich, dass sich so eine politikverdrossene Geisteshaltung entwickelt, die das Private, das Beschauliche wählt, während sich um die Menschen herum die Welt neu ordnet? Wenn man diesen State-of-mind als Schutzmechanismus betrachtet, ist er natürlich durchaus nachvollziehbar. Ich habe das Stück als Auftragsarbeit für das Widerstandsfestival in Heidelberg geschrieben und hatte zunächst etwas ganz anderes im Kopf, aber irgendwie hat es mich gereizt, mich mit dem Biedermeier nochmal dramatisch zu beschäftigen. Mit Corona hat dieser apolitische Rückzug ja auch so eine Art Revival erfahren.

Franks Gelähmtheit kann man als Realitätsflucht bezeichnen; auch die Hauptfigur in deinem Stück Die Katze Eleonore wird von einer Sehnsucht nach Eskapismus angetrieben. Was fasziniert dich an diesem Motiv?

Freut mich, dass du das fragst. Auch wenn Die Katze Eleonore und Das Stillleben inhaltlich und stilistisch völlig unterschiedlich sind, findet sich darin ein gemeinsames Thema: Rückzug und Überdruss gegenüber der Gesellschaft. Ich kann dir aber nicht wirklich sagen, was mich daran fasziniert. Ich bin sehr interessiert an gesellschaftlichen Wandelprozessen und an politischer Mitgestaltung und mir fällt zusehends auf, dass die gegenwärtigen Ereignisse eine Sehnsucht danach provozieren, dass alles für einen kurzen Moment einfach in Ordnung ist; dass es keinen Klimawandel gibt, da nicht schon wieder ein Krieg ausbricht. All diese Katastrophen haben etwas so Vereinnahmendes, dem man nicht entrinnen kann. So hat dieses Sehnsuchtsmoment gute Chancen zu gedeihen – auch wenn die Sehnsucht unerfüllbar scheint. So wie die Geisteswissenschaftlerin am Ende ein Sofa sein will. Frank lebt im Interieur seiner Privilegien, sie beneidet ihn, aber reibt sich gleichzeitig total daran.

Kennst du diese Ambivalenz von dir selbst?

Ich muss gestehen, dass ich sehr sensibel bin. Alles, was passiert, nehme ich mit nach Hause, was für den Beruf der Autorin ganz gut ist, aber für mich als Privatperson super anstrengend. Ich zähle mich auf jeden Fall zu denjenigen, die solche Inseln brauchen, auf die sie sich zurückziehen können. Für mich kann das z.B. sein, im Urlaub komplett offline zu gehen. Das ist aber nur temporär.

Was machst du dagegen, es dir dann im Urlaubsmodus nicht bequem zu machen? Schreiben?

Ja, so widersprüchlich es klingen mag: Die Beschäftigung damit ist das beste Gegenmittel. Sich mit Menschen auszutauschen, die ähnliche Gefühle von Überforderung kennen, ist total heilsam. Damit beseitigt man natürlich noch keine Katastrophen, trotzdem ist Umgang für mich die beste Form der Bewältigung.

Das Stillleben hat 8 Kapitel mit Überschrift, viele Fussnoten, ein Quellenverzeichnis am Schluss: Wenn man das Stück nur flüchtig betrachtet, könnte man denken, man hätte eine wissenschaftliche Arbeit vor sich. Wieso hast du dich für diese Form entschieden?

Dahinter liegt keine starke Intention, ich fand die Idee witzig, eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben, sie aber zu dramatisieren. Quasi einen Wunsch zu realisieren, den ich im Studium hatte, während ich mich über Regularien für Hausarbeiten ärgerte. Ich konnte endlich dem Bedürfnis nachgehen, auch mal in einer Fussnote emotional zu werden.

In Das Stillleben gibt es viele solcher Fussnoten, mit denen du den gesprochenen Text ergänzt, kommentierst, oder auch einfach in knapp 500 Wörtern erklärst, weshalb Adalbert Stifters Erzählung Der Nachsommer zum Gähnen langweilig ist. Welche Funktion haben diese Fussnoten für dich?

Für mich sind sie eine Art Dialog, quasi das Alter-Ego der Geisteswissenschaftlerin. Es sind ihre inneren Stimmen, die alles Mögliche wissen, und es sich nicht verklemmen können, die Dinge zu kommentieren oder ins Lächerliche zu ziehen. Ich habe schon bei der ersten Fussnote gemerkt: Das wird mir Spass machen.

Franks Regungslosigkeit macht die Geisteswissenschaftlerin stellenweise sehr wütend, was sie in Schimpfwörtern zum Ausdruck bringt. Auch das ist ein Stilmittel, das in deinen Stücken immer wieder auftaucht. Worin liegt für dich die Kraft der sogenannten vulgären Sprache?

Ich finde verbale Aggression total spannend, Sprache als Mittel, sich zu Wehr zu setzen. Schimpfwörter kommen oft aus den Gruppen heraus, die in irgendeiner Weise benachteiligt sind, und aufbegehren kann man zumindest schon mal, wenn man «Fick dich» sagt. Beleidigungen brechen immer mit Tabus. Solange es Ungerechtigkeiten gibt, wird es auch das Bedürfnis geben, das sprachlich zum Ausdruck zu bringen. Schimpfen ist etwas zutiefst Emotionales und Affektives.

Mit welchem Gefühl sollen die Zuschauer*innen nach Das Stillleben den Saal verlassen?

Mit einer Art Ambivalenz. Man kann sich sowohl in den Elementen von Wut wiederfinden und sich gleichzeitig ertappt fühlen in der Figur, die attackiert wird. Ein bisschen Frank haben wir alle in uns.