29.4.2024

Konstantin Küspert, Marie Duchêne

«Die Recherche war schwierig für mein Gerechtigkeits-Empfinden.»
Konstantin Kuespert
© Konstantin Küspert

Konstantin Küspert wurde in Regensburg geboren. Er ist Dramatiker, Übersetzer und Autor. In seinen oft dokumentarischen Stücken setzt er sich forschend mit gesellschaftspolitischen Themen auseinander. 


Für Sisyphos' Kinder, das in Zusammenarbeit mit Groupe Nous entstand und am 15. Mai 2024 am Theater Winkelwiese uraufgeführt wird, beschäftigte er sich mit dem Thema Arbeit und nimmt die Zuschauer*innen mit auf eine Welt- und Zeitreise durch die Geschichte der Erwerbsarbeit. Im Gespräch erzählt Konstantin Küspert vom Zusammenhang zwischen Arbeit und Menschsein, von Grönlandhaien und dem Sisyphus Simulator.

Das Interview führte Marie Duchêne, die Projektleiterin des ZENTRUM FÜR DRAMATIK.

Marie Duchêne: Lieber Konstantin. Deine Stücke haben oft politische Anliegen, es geht um Sterbehilfe, um moderne Sklaverei, um Überwachung. Wie kamst du zum politischen Schreiben?

Konstantin Küspert: Erstmal ist jedes Schreiben irgendwie politisch. Auch das Theater ist inhärent politisch, denn es entsteht aus einer Gesellschaft heraus und tritt mit ihr in Dialog; es ist ein Dialog zwischen Künstler*innen und Publikum. Mit gesellschaftspolitischen Themen setze ich mich auseinander, weil ich das grosse Glück, für einen kurzen Zeitraum die Aufmerksamkeit der Leute zu haben, auch nutzen will, um bestimmte Fragestellungen herauszuarbeiten.

Für Sisyphos’ Kinder hast du dich für das Thema Arbeit entschieden – wie kam es dazu?

Das Thema Arbeit und Geld, die Funktionsweisen des Kapitalismus haben mich eigentlich schon immer sehr beschäftigt. Wir arbeiten so viel wie noch keine Gesellschaft vor uns, abgesehen von der Industrialisierung. Groupe Nous hat mich angesprochen, weil auch sie der Frage nach dem Sinn und der Funktion der Arbeit nachgehen wollten.

An einer Stelle im Stück wird der Begriff «Arbeit» von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen aus definiert. Was wäre deine Definition?

Also wenn ich von Lohnarbeit ausgehe: Für mich ist das eine Tätigkeit, die ungefähr die Hälfte meiner wachen Zeit in Anspruch nimmt und mir genügend Geld zur Verfügung stellt, um meine primären Bedürfnisse zu decken.

Wer auch nur ein bisschen über Sisyphos recherchiert, kommt an Albert Camus kaum vorbei. Nach ihm befindet sich der Mensch in einer absurden Situation: Er lebt in einer Welt ohne Sinn und wünscht sich nichts mehr als ein sinnhaftes Leben. Brauchen wir Arbeit, um unserem Dasein einen Sinn zu geben? Oder ist es schlicht Beschäftigungstherapie?

Ich glaube, es ist beides. Wir brauchen Struktur, Routine, positiven Stress, der mit bewältigbaren Aufgaben einhergeht. In einem bestimmten Masse tut Arbeit uns psychisch und körperlich gut; ist Teil unserer Bedürfniswelt.

Du nimmst die Zuschauer*innen mit auf eine kleine Welt- und Zeitreise, vom Pyramidenbauer in Ägypten über Fabrikarbeiter in der Industrialisierung bis in die Zukunft. Es scheint, als hättest du viel akribische Recherchearbeit geleistet. Wo bist du dabei am längsten hängengeblieben?

Bei der Parallelität von Arbeitsrealitäten. In der Tierwelt gibt es Grönlandhaie, die Hunderte von Jahren alt werden und durchs Polarmeer schwimmen, und auf irgendeinem Feld leben gestresste Hörnchen, die nach zwei Wintern vom Schlag getroffen tot umfallen, nach einem Leben in permanenter Angst. So ist es auch in der Realität unserer Spezies: Manche haben richtig harte Scheissjobs und kommen damit nicht zurande und andere Leute arbeiten total wenig und verdienen damit ein Schweinegeld. Die Recherche war schwierig für mein Gerechtigkeitsempfinden - so viel konnte davon aber nicht ins Stück, damit es keine Agitprop (Agitations-Propaganda (Anm.d.Red.)) wird.

Zu einer sehr aktuellen Debatte: Zwei der Szenen im Stück sind von Chat-GPT geschrieben, in einer geht es darum, dass auch im Theaterbetrieb nun «Roboter die Pinsel führen». Viele Menschen sorgen sich ja darum, dass KI bald ihren Job übernehmen wird. Meinst du, das betrifft bald auch Theaterschaffende?

Nein. Die Spieler*innen garantiert nicht. Man kann sie nicht ersetzen, weil Theater nur über Ko-Präsenz funktioniert, über Spiegelneuronen. Ein Avatar allein kann nicht in solchem Masse Mitgefühl auslösen.

Und auf Seiten der Autor*innen?

Da kann es eher verflachen. Die Algorithmen lernen immer schneller - ich glaube, weite Teile der Kulturindustrie werden sich komplett verändern. Für einen Marvel-Blockbuster brauchst du schon bald keine Künstler*innenperson mehr; Theater und andere Kunst-Texte werden länger aushalten, weil es dort interessant ist, sich die Person dahinter vorzustellen. Aber die KI-generierten Texte erodieren unser Kunstverständnis kontinuierlich. Irgendwann wird es uns egal sein, ob da eine Person oder eine KI dahintersteckt.

In einer Szene deines Stücks wird einem Beamten bewusst, wie sinnlos und dennoch stressig seine Arbeit ist. Sisyphos’ Aufgabe, die ja seine Strafe war, erscheint ihm ideal, weil dieser zumindest keine mühsamen Entscheidungen mehr treffen muss. War Sisyphos eigentlich ein glücklicher Mensch?

Das ist ja Camus’ zentrale Frage. Es gibt ein Spiel, das heisst «Sisyphus Simulator» und besteht darin, dass man einen Felsblock den Berg hochschiebt. Der Berg wird kontinuierlich steiler und endet nie. Irgendwann macht man einen Fehler und der Stein rauscht wieder runter. Wenn es einen Markt gibt für die Simulation dieser inhärent sinnlosen Tätigkeit – die einen aber beschäftigt – dann muss man annehmen, dass man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen kann. Man kann über Sisyphos’ Job sagen, was man will, aber er ist nicht unterfordernd.

Wir sprechen am 29. April – übermorgen ist Tag der Arbeit. Gehst du demonstrieren?

Ne, wofür denn? Der Kampf der Arbeiter*innenklasse ist vorbei. Nehmen wir mal den Streik der Deutschen Bahn: Wir sind so weit im Spätkapitalismus, dass nicht mal mehr die Verursacher*innen der schlechten Arbeitsbedingungen durch das Streikrecht bestraft werden – sondern die Konsument*innen. Die Manager*innen kriegen ja weiterhin ihre Boni. Der Arbeiter*innenkampftag adressiert mit einem hundertjährigen Toolkit heutige Probleme und das funktioniert nicht, so wichtig ich gerechte Entlohnung und gesellschaftliche Solidarität finde.

Noch eine Frage zu deiner Arbeit: Sisyphos’ Kinder ist in Zusammenarbeit mit Groupe Nous entstanden. Vier deiner Stücke hast du in Ko-Autor*innenschaft mit deiner Frau Annalena geschrieben. Wie gelingt Miteinander-Arbeiten, bzw. -Schreiben?

Theater ist ja von vorneherein kooperativ. Mit Groupe Nous habe ich intensive Vorgespräche geführt und dann aber allein geschrieben. Wenn man miteinander schreiben will, muss man in der Lage sein, das eigene Ego hinter das Projekt zu stellen. Mit meiner Frau funktioniert das deswegen gut, weil wir ähnliche ästhetische Vorstellungen haben. Gemeinsam schreiben kann sehr lohnend sein, weil es eine hybridere Autor*innenperson generiert, die in der Wirklichkeit gar nicht existiert.