25.5.2024

Marie Duchêne

TESSITURE: mit dem Text in die Zukunft
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Neben den Stücken der «Sélection» bietet das Schweizer Theatertreffen auch ein Rahmenprogramm, mit dem es einen Raum schaffen möchte, der den Zusammenhalt und Austausch in der Schweizer Theaterszene fördert. Teil dieses Rahmenprogramms war auch der Workshop «TESSITURE» am Samstagvormittag, bei dem Theaterschaffende über Kriterien der Textauswahl in der Schweiz nachdachten.

Es ist bewölkter, als man das von einem Tag Ende Mai erwarten würde, der Lago hat das dunkelgrau des Himmels angenommen; dass die Sonne fehlt, macht den Weg vom Bahnhof zum Kulturzentrum LAC aber nicht weniger pittoresk: imposante Gründerzeithäuser, einladende Trattorien, gut gekleidete Menschen, die durch die Fussgängerzone schlendern. Der Vorplatz des LAC, ein moderner Bau mit grosszügigen Decken und Fensterfronten, ist noch wenig belebt, doch im lichtgefluteten Workshop-Raum sieht das anders aus. Rund 30 Theaterschaffende haben sich dort versammelt, um zu diskutieren, nach welchen Kriterien Schweizer Dramatik ausgewählt wird und werden soll; worauf es ankommt, damit es ein Stück auf die Bühne schafft. Es sind die verschiedensten Personen mit den verschiedensten Hintergründen zusammengekommen, unter ihnen sind Autor*innen, Theaterleiter*innen, Kulturjournalist*innen, Veranstalter*innen und Stiftungsmitglieder; man hört Französisch, Deutsch, Italienisch und Englisch. Neben dem Theater Winkelwiese sind auch das LAC - Lugano Arte e Cultura, das Théâtre du Jura, das Theater Marie aus Aarau, das Genfer Théâtre Poche, das TOBS - Theater Orchester Biel Solothurn und einige andere vertreten. In kleinen Glaskabinen sitzen Simultan-Übersetzer*innen, übersetzt werden aber nur Anfang und Schluss – für die Diskussionen des Hauptteils erproben die Teilnehmer*innen ihre eigene Mehrsprachigkeit.

Die Anwesenden werden in drei Gruppen aufgeteilt, die jeweils über Kriterien der Faktoren «Publikum», «Sprache» und «Produktion» diskutieren. Welche Rolle spielen der sprachliche Kontext eines Stücks und welchen Einfluss haben spezifische künstlerische, politische, wirtschaftliche Gegebenheiten auf die Auswahl? Das Gespräch wird angeleitet von einer*einem Moderator*in, am Ende werden die Ergebnisse zusammengetragen. Entstehen soll eine Art Kriterien-Katalog, eine Charta, die keine neuen Regeln festlegen will, aber Orientierung für zukünftige Entscheidungsprozesse geben kann.

Die Gruppe, die die das Publikum betreffenden Kriterien diskutiert hat, präsentiert eine Reihe an Fragen, die es sich zu stellen lohnt: Kann der Text neue Perspektiven eröffnen? Steht er in Verbindung zu einem Thema, das das örtliche Publikum beschäftigt, oder zum Spielort? Enthält er vielleicht auch zu viele orts- oder sprachspezifische Referenzen? Allgemein formuliert die Gruppe den Wunsch nach mehr Vielsprachigkeit auf der Bühne und nach mehr bilingualen Autor*innen-Tandems.

Auch die zweite Gruppe, die über Auswahlkriterien zum Thema «Sprache» debattiert hat, wünscht sich ein Theater, das Vielsprachigkeit und Sprachgewandtheit vereint und mittels Übertitelung zugänglich gemacht wird.

Die dritte Gruppe machte sich Gedanken darüber, welche Kriterien auf Produktionsseite ausschlaggebend für die Auswahl eines Textes sind. Sie hielt fest, dass dabei die Aktualität einer Thematik aber auch ihre Geltungsdauer, das Zielpublikum - das möglichst divers sein solle -, die Möglichkeit, durch ein Stück mit den Zuschauer*innen in Dialog zu treten und die Bekanntheit eine*r Autor*in eine Rolle spielen. Hinzu kämen aber auch Vorgaben der regionalen Kulturpolitik, der Zustand des Textes, also ob er als fertiges Projektvorhaben oder als reiner Stücktext eingereicht wird, sowie das Konzept des jeweiligen Hauses, das sich im Programm widerspiegeln soll. Auch diese Gruppe formulierte Wünsche für die Zukunft: Von Autor*innenseite wurde die Wichtigkeit von Förderprogrammen wie Stück Labor, Luminanza/PRISMI oder DRAMENPROZESSOR betont; von Theaterseite wünscht man sich mehr Dramaturg*innen-Stellen, für die an Häusern in der Romandie und im Tessin oft kein Budget zur Verfügung steht.

Was auffällt: Viele Theaterschaffende bilden bereits Netzwerke - aber oft in Richtung des gleichsprachigen Nachbarlandes. Was fehlt, sind Verbindungen, die auch die innerschweizer Sprachgrenzen überwinden. Doch Workshops wie dieser können ein erster Schritt sein. Nach dem offiziellen Teil klingen die Gespräche nicht ab, auch nicht, nachdem einer der Organisator*innen die Teilnehmer*innen höflich des Raumes verweist und die Gruppe auf den Vorplatz strömt, über dem die Wolkendecke inzwischen aufgebrochen ist.