12.9.2023

Fadrina Arpagaus, Ivo Bärtsch, Gianna Olinda Cadonau

Drama Players #2: Gianna Olinda Cadonau & Ivo Bärtsch
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©Mayk Wendt

Ivo Baertsch

©Mayk Wendt

Gianna Olinda Cadonau und Ivo Bärtsch haben gerade einiges um die Ohren, als wir uns Anfang September in Zürich auf ein Feierabendbier in der Gessnerallee treffen. Ivo steckt in Endproben für eine romanische Oper, bei der er Regie führt, Gianna steht kurz vor der Buchvernissage ihres Romandebüts «Feuerlilie», das soeben im Lenos Verlag erschienen ist. Wir wollen über das erste (!) rätoromanische Theaterfestival sprechen, das die beiden zusammen mit Romana Walther ins Leben gerufen haben. Vom 6.-8. Oktober 2023 soll Zuoz mit der Uraufführung eines neuen romanischen Theatertexts, mit Konzerten, Performances und Workshops zum Knotenpunkt und Begegnungsort für Publikum und Szene werden. Ivo ist Tänzer, Performer und Regisseur und leitet seit bald zehn Jahren das Zuoz Globe Theater, das zum Lyceum Alpinum gehört. Gianna ist bei der Lia Rumantscha, dem Dachverband für romanische Sprache und Kultur, für die Kulturförderung zuständig und schreibt als Autorin auf Rätoromanisch und Deutsch. Beide ziehen seit vielen Jahren zahlreiche Fäden in der Bündner Kulturszene.

Gianna Olinda Cadonau ha studegià relaziuns internaziunalas a Genevra e management da cultura a Winterthur. Tar la Lia Rumantscha è ella responsabla per la promoziun culturala. Ultra da quai s’engascha ella en differentas instituziuns per la cultura en il chantun Grischun. Ella scriva lirica e prosa per rumantsch e tudestg. Fin uss en cumparids dus toms cun poesias tar editionmevinapuorger ed in roman tar la chasa editura Lenos.

Ivo Bärtsch maina dapi il 2014 il teater Zuoz Globe al Lyceum Alpinum Zuoz. El è responsabel per il program dal Zuoz Globe e maina las duas gruppas da teater da scola. Sco interpret e reschissur independent lavura el era per differentas gruppas e divers ensembles en Svizra ed a l’exteriur.

Fadrina Arpagaus: Liebe Gianna, lieber Ivo, ihr habt das neue Theaterfestival «Uniun Travers» gegründet – wie kam das alles?

Gianna Olinda Cadonau: Beim 100 Jahre-Jubiläum der Lia Rumantscha haben wir für Bündner Gemeinden ein Festival ausgeschrieben, und Zuoz hat aus dreizehn Bewerbungen gewonnen. Zuoz ist eine tolle Gemeinde, sie hat die Möglichkeiten, die Mittel und den Willen zur Kulturförderung – und der Ort war zentral für die Entwicklung der romanischen Sprache. Das erste rätoromanische Schriftstück kommt von dort. Im Rahmen der neuen Gemeindestrategie 2025 waren wir beide in den Arbeitsgruppen Kultur und Sprache und haben dort die Festivalidee entwickelt.

Ivo Bärtsch: Das Zuoz Globe hat sich als etabliertes Theater im Lyceum Alpinum als Austragungsort einfach angeboten. Es gibt viele Festivals im Engadin, doch die meisten zielen vor allem auf Tourist*innen ab und werden nicht primär für die romanisch sprechende Bevölkerung ausgerichtet. Das ist bei uns anders: Hier geht es um die Verbindung von Sprache, Theater und Kultur. Und ich wollte schon immer ein Festival gründen!

GOC: Die Gemeinde Zuoz, das Lyceum und die Lia Rumantscha wollten alle dasselbe. Die Lia Rumantscha hat in den letzten Jahren ins literarische Übersetzen investiert, Autor*innen, Singer-/Songwriter und Buchprojekte gefördert, aber wenig fürs Theater gemacht. Es gibt im Kanton Graubünden eine lebendige Volkstheaterszene, die sehr wichtig ist für den Spracherhalt und die sprachliche Identität in den Dörfern. Wer so Theater produziert, übersetzt aber meistens ein deutschsprachiges Stück ins Romanische. Der Punkt ist: Es gibt eigentlich keine neuen zeitgenössischen romanischen Theatertexte!

Mit dem Festival wollt ihr also auch romanischsprachige Autor*innen dafür gewinnen, mehr fürs Theater zu schreiben?

GOC: Wir dachten: Es könnte helfen, mit der Ausschreibung eines Preises für ein rätoromanisches Auftragsstück, das dann im Rahmen des Festivals produziert wird, ein regelmässiges Jobangebot für romanische Theaterschaffende zu schaffen.

IB: Dadurch, dass wir jetzt etwas Neues probieren, entsteht vielleicht ein Sog! Autor*innen gibt es ja viele – und viele gute – , aber sie schreiben kaum für Theater.

GOC: Viele getrauen sich auch nicht. Wir hatten nur zehn Einreichungen bei der ersten Ausschreibung des Preises. Da waren Leute darunter, die gern, jedoch nicht professionell schreiben, aber auch Autor*innen, die man bereits kennt. Viele – also bei uns sind das dann drei bis vier (lacht) – hatten beim ersten Aufruf noch keine Zeit für eine Einreichung, aber ich bin sicher: Für die nächste Ausschreibung 2024 spricht sich das herum.

Was ist denn das Besondere des Festivals?

IB: Ein Highlight ist sicher die Premiere von «Üna Sbrinzla», dem Stück von Selma Mahlknecht, das den ersten premi travers gewonnen hat –

Was heisst denn «Üna Sbrinzla» auf Deutsch?

IB: «Ein Funke.» Wichtig war uns, dass das Festival auch dramatisierte Literatur zeigt. Darum haben wir Asa Hendry und Leander Albin eingeladen, ihre Texte, die sich entlang der Themen Landschaft, Queerness und Sexualität bewegen, auf der Bühne zu performen.

GOC: Die beiden bringen eine sehr eigene Performancesprache mit. Theater im romanischen Feld ist nicht so oft experimentell.

IB: Dann Flurin Caviezel: Er ist ein wichtiger Repräsentant von kabarettistischen Formaten. Zu seinem «Singen mit Flurin» kommt jeweils ganz Chur in einem Churer Hotelsaal zusammen. Astrid Alexandre arrangiert eigene Theaterkompositionen zu einem akustischen installativen Erlebnis. Und Ladunna… Ladunna ist einfach eine tolle Band!

GOC: Wir wollen unbedingt feiern! (lacht) Und dann gibt’s noch einen Schreibworkshop mit Felix Benesch, der zwar auch kein Romanisch spricht – die St. Moritzer können einfach kein Romanisch! –, aber uns war wichtig, einen Workshop anzubieten und zu signalisieren: Man kann das Handwerk lernen.

Das heisst, es gibt sonst keine Schreibprogramme für szenisches Schreiben auf Romanisch?

GOC: Bis jetzt nicht. Im Bereich Übersetzen bietet die Lia Rumantscha zusammen mit dem Übersetzer*innenhaus Looren Schreibworkshops an, aber dort steht das Übersetzen im Mittelpunkt. Es tut sich jedoch einiges: Die Lia Rumantscha ist im Gespräch mit Pro Helvetia und anderen Institutionen, wir wollen mit Flurina Bardel einen Lehrgang für romanisch Schreibende aller Genres einrichten. Die spannende Frage ist: Was können wir aus Workshops und bestehenden Lehrgängen, die auf Deutsch stattfinden, auch fürs romanische Schreiben benutzen? Vieles ist ja übertragbar, zum Beispiel Fragen zur Dramaturgie, zur Figurengestaltung. Aber irgendwann hören die Analogien auch auf. Wir brauchen einen Echoraum für romanisch Schreibende mit Menschen, die coachen und Referenzen zur bestehenden Literatur und Kultur herstellen können.

Ist die Lia Rumantscha die wichtigste Förderinstitution für die romanische Sprache?

GOC: Ja, wir erfüllen den Verfassungsauftrag mit öffentlichen Geldern von Kanton und Bund. Je nach Idiom gibt es weitere kleine Förderstellen. Man hört ja oft wegen der Kleinteiligkeit der verschiedenen Dialekte die Klage, dass sich die Bündner*innen untereinander nicht verstehen. Und das Tolle am «travers» ist, dass wir dieses «Problem» jetzt einfach mit deutschen Übertiteln lösen. Sooooo schlimm ist das nämlich auch nicht! (lacht)
Wir wollen sagen: Probiert’s doch einfach mal! In der Ausschreibung des Preises steht, dass es egal ist, in welchem Rätoromanisch die Texte eingereicht werden. Die Rollen müssen aber in andere Idiome übersetzbar bleiben. Das heisst, der Text sollte zum Beispiel ohne Wortspiele funktionieren, die nur in dem einen Idiom verständlich sind, denn die Schauspieler*innen im Team sprechen unterschiedliche Idiome.

Könnt ihr eine kleine Sneak Preview zu «Üna Sbrinzla» machen, ohne zu spoilern? Wie ist das, wenn Spieler*innen auf den Proben und auf der Bühne unterschiedliche Idiome sprechen? Übertragen sie den Text automatisch in ihre Sprache?

IB: Das ist ganz unterschiedlich und hängt von den Anforderungen der Rollen ab. Wir haben bei «Üna Sbrinzla» zusätzlich eine spezielle Situation, weil Selma Mahlknecht für die Bevölkerung des Ortes ein eigenes Idiom entwickelt hat. Also noch eine weitere, diesmal literarische Sprache, die das Schauspiel-Team neu lernen muss!

GOC: Als wäre es nicht schon kompliziert genug!

IB: Selmas Sprache arbeitet mit ganz vielen «Üs» und hat dadurch einen speziellen Klang. Für eine Person, die Sursilvan oder Vallader spricht, ist dieser Klang aber vertraut, dort vereinen sich die real existierenden Dialekte mit der fiktiven Sprache. Eine Schauspielerin spricht zudem kein Romanisch, ihre Figur spricht den Text mit englischem Akzent – noch ein weiterer Dialekt! Das sind die sprachlichen Herausforderungen der Inszenierung, die dem Team aber Spass machen. Es ist wirklich interessant: Es wird auf Proben so viel über die romanische Sprache gesprochen, jeder und jede wird zum Experten oder zur Expertin für das eigene Idiom. Die Aussprache ist in solchen Diskussionen extrem wichtig, Wörter werden immer sofort nachgeschlagen. Dann ist man froh, wenn jemand im Team ist, der oder die ganz sicher weiss, wie etwas auf Vallader ausgesprochen wird oder auf Sursilvan.

Ich denke, auch fürs Publikum bieten die verschiedenen Sprachen auf der Bühne viel Identifikationsfläche, verbunden mit der Botschaft: Wir schaffen es, uns zu verständigen, obwohl wir das andere Idiom vielleicht nicht verstehen oder richtig sprechen.

IB: Ja, man hört oft: «Das verstehe ich gar nicht.» Und wenn man dann sagt: Hör mal hin, gibt dir ein bisschen Mühe – dann geht’s plötzlich. Man schafft es, sich zu verständigen, die Hürden sind nicht unüberwindbar.

GOC: Unsere subversive Idee ist, zu sagen: Verschiedene Idiome sind kein Grund, verbindende Dinge nicht zu tun! Wir alle sprechen Romanisch.

IB: Ehrlich gesagt sind diese Diskussionen immer auch ein wenig ermüdend: Da überlegt man sich ein künstlerisches Projekt und versucht, Leute zusammenzubringen – und dann sagt jemand: Oh nein, die kommt aus der Surselva, das geht ja gar nicht. Gibt es niemanden, der Puter spricht?

GOC: In der Lia Rumantscha vertreten wir alle Idiome, und unsere Geschäftssprache ist Rumantsch Grischun. Es gibt nur wenige Menschen, die diese offizielle Amtssprache sprechen, und noch weniger Autor*innen, die literarische Texte darin schreiben. Beim Festival machen wirs jetzt anders und bringen alle Idiome zusammen. Das ist jetzt einfach die neue Realität! (lacht)

Möchtet ihr mit den Übertiteln auch ein deutschsprachiges Publikum ansprechen?

IB: Ja, auch hier wollen wir inklusiv sein. (lacht) Es gibt viele Menschen im Ober- und Unterengandin, die romanisch nur so halb können und – wie ich – froh sind, wenn sie etwas Hilfe beim Übersetzen bekommen. Und wir möchten auch die Bündner Diaspora einladen. Am liebsten würden wir das Stück natürlich auch in Zürich zeigen!

Welche rätoromanischen Autor*innen, die für Theater schreiben, sollten wir im Rest der Schweiz kennen?

GOC: Bei Asa Hendry warte ich auf den grossen Wurf! Und auch Romana Ganzoni, Flurina Bardel und Jürg Gautschi sind spannend, um nur einige zu nennen. Was uns wichtig ist: Es gibt viele junge Stimmen, die noch keine bekannten Namen sind, aber von denen man in den nächsten Jahren vielleicht hören wird. Wir verstehen es als unsere Aufgabe, zu sagen: Wir sind da, wenn ihr schreiben möchtet, wir fördern euch, es gibt Jobs und Geld dafür.

IB: Zwei Schüler*innen aus meiner Theatergruppe zum Beispiel sind richtige Schreibtalente. Wenn sie wissen, dass es nun eine Plattform für romanische Theatertexte gibt, schreiben sie dann vielleicht von Anfang an auf Romanisch und nicht auf Deutsch.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass mit dem Festival ein Resonanzraum entsteht, der die verschiedensten Menschen erreicht.

GOC: Ja, das haben wir bei der Ausschreibung des Preises gemerkt. Wir haben die unterschiedlichsten Einreichungen bekommen: vom Schwank bis zum Volkstheater bis zu einem Vorschlag von einer Schulklasse, die im Kollektiv geschrieben hat. Ich denke einfach: Es wäre richtig schön, wenn die Szene sich über neue romanische Theatertexte verbinden könnte; wenn Regisseur*innen und Schauspieler*innen aus der Region geile Stücke von Autor*innen aus der Region machen!

Jetzt vielleicht noch die am schwierigsten zu beantwortende Frage: Was bedeutet für euch «Zeitgenoss*innenschaft» in romanischen Texten? Könnt ihr da Tendenzen oder Trends ausmachen?

GOC: Es gibt im Moment ja kaum neue längere rätoromanische Prosatexte, sondern vor allem Lyrik. Formal machen die Schreibenden aber Riesenschritte, das heisst sie experimentieren, werfen eine gefundene Form beim nächsten Text wieder komplett über Bord. Da ist viel Bewegung im Schreiben, total spannend! Und alles wird sofort wahrgenommen und diskutiert, denn alle lechzen nach neuen Texten. Das ist wohl ein Phänomen in kleinen Sprachräumen: Jeder Text kommt gleich an die Oberfläche und gehört sofort zum Kanon. Das ist wunderschön – aber auch nicht unproblematisch. Manche Stimmen finden, dass es wichtig ist, erst einmal eine Masse an Werken zu produzieren, damit überhaupt eine Szene entsteht, Qualitätskriterien sollen keine Rolle spielen. Andere vermissen vielleicht eine stärkere Differenzierung oder gar Wertung der neuen Texte. Wir können in unseren Positionen sehr viele Sachen anreissen – aber das hat auch sogleich einen Einfluss auf die Szene, es bleibt nichts unbeachtet. Wenn Flurina Badel und ich uns nächste Woche treffen, um über den neuen Lehrgang zu sprechen und ob szenisches Schreiben Teil davon wird, dann ist das danach entschieden und nimmt seinen Lauf!

IB: Man sieht in zeitgenössischen Stücken die Vielfalt: Asa Hendry und Leander Albin zum Beispiel tragen viel zeitgenössischen Diskurs in ihre Texte und experimentieren formal, Selma Mahlknecht wiederum kümmert sich um regionalpolitische Themen wie Abwanderung, Tourismus, ausländische Investitionen. Was ich sagen kann: Der gemeinsame Nenner ist immer die Sprache. Und der Umgang mit der Sprache kann im Romanischen nie leichtfertig sein. Selma liebt das Romanische, das merkt man dem Text an. Die Sprache ist nicht einfach nur Kommunikationsmittel.

GOC: Im romanischen Schreiben schwingt immer auch die Vision des Spracherhalts mit. Interessanterweise musste ich manchen Autor*innen in Bezug auf den Preis erklären, dass sie nicht über das Romanische schreiben müssen, sondern alle Themen behandeln können – das war nicht für alle selbstverständlich. Der Spracherhalt ist eine verbreitete und manchmal auch problematische Konnotation mit dem Romanischen. Dabei kannst du natürlich auch auf Romanisch alles erzählen!

Vielen Dank euch beiden fürs Gespräch – und Toi Toi Toi für die erste Festivalausgabe!

Liebe Schweizer Theaterszene, liebe romanisch Schreibende, liebe (Heimweh-)Bündner*innen: Das Festival Uniun Travers findet zum ersten Mal vom 6.-8. Oktober 2023 in Zuoz statt. Die Ausschreibung für den premi travers 2025 läuft noch bis zum 15. Mai 2024. Bewerben können sich Autor:innen mit einem Konzept und Textauszug alleine oder im Team, in dem nicht alle Romanisch schreiben müssen. Mehr unter: www.uniun-travers.ch