«Das musst du unbedingt zeigen!»

 

Am 18./19. Juni 2022 fand in Bern das Symposium Frauen* im Literaturbetrieb statt. Die Initiative kam ursprünglich von der Autorin Viola Rohner, die 2004/05 am DRAMENPROZESSOR teilnahm und dort ihr Stück Kälter als die Hand einer Toten geschrieben hat. Ein noch unaufgeführtes Stück über Femizid und generationenübergreifende Gewalt, das auf einem entlegenen Bauernhof spielt. Im folgenden Gespräch überlagern sich die aktuellen Eindrücke vom Symposium mit dem Wiederlesen des bald 20 Jahre alten Stücks.

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«Im Nachhinein bereue ich es, dass ich meine Erfahrung mit meinem Stück Kälter als die Hand einer Toten nicht zu den Beispielen und Anekdoten hinzugefügt habe. Vielleicht habe ich es verdrängt, weil ich an diese schmerzhafte Erfahrung nicht erinnert werden wollte. Erst als ich die Beispiele der anderen Frauen las, merkte ich, wie wichtig es ist, diese Erlebnisse sichtbar zu machen, denn nur so können wir einander in der eigenen Wahrnehmung bestärken und etwas verändern.» (Viola Rohner)

Beginnen wir am Anfang, liebe Viola. Heute müssen sich Autor:innen mit einer konkreten Stückidee für den DRAMENPROZESSOR bewerben. Wie war das damals bei euch?

Erik Altdorfer und Stephan Roppel (die den DRAMENPROZESSOR damals leiteten, Anm. d. Red.) wollten nicht, dass es bereits eine konkrete Idee gibt. Wir sollten drei Gegenstände mitbringen, die uns interessierten, faszinierten – aber ich weiss nicht mehr, was ich mitgebracht hatte.

Ich hatte die Figuren, die Anordnung A-B-C – Arn 40, Blunn 70 und Calla 20, sehr typisierte Namen – und diesen abgelegenen Bauernhof, wo das Stück spielt. Ich musste nur noch herausfinden, wie das alles miteinander zusammenhängt. Das Thema Missbrauch war bei mir schon lange akut und tauchte auch in anderen Werken auf. Die Gewalttätigkeit war von Anfang an drin.

In einer Kritik eurer Präsentation im Juni 2005 schreibt ein Journalist über dein Stück: «Noch etwas gefeilt dagegen werden sollte an der letzten Arbeit des Abends, Maria C. von Viola Rohner. Dieser Tragödie über die Genealogie der Gewalt haftet allzu sehr die Eierschale der Idee an.» Erinnerst du dich an weitere Reaktionen?

Stephan und Erik fanden das Stück super, was mich gefreut hat. Und auch dem Verlagsvertreter der damals das Interview mit mir geführt hat, hat’s gefallen. Ich war im Gespräch mit mehreren Regisseuren, die das Stück inszenieren wollten, aber die Theater meinten alle, es sei zu brutal, zu dunkel.

Später wollte ein österreichischer Regisseur das Stück unbedingt auf die Bühne bringen, weil es seiner Meinung nach gut nach Österreich passe – auch in Zusammenhang mit der Fritzl Affäre. Aber dort passierte genau dasselbe: Er hat so viele Theater angefragt und die Begründung blieb dieselbe – zu brutal.

«Das Publikum erträgt das nicht, das verkauft sich nicht…» Eines dieser diffusen Argumente, die die bestehenden Strukturen bestätigen.

Interessanterweise wurde ich nach der Präsentation an der Winkelwiese – und sowas ist mir nie wieder passiert im Leben – von wildfremden Menschen angesprochen, in der Frauenbadi, irgendwo, was aus dem Stück geworden sei. «Das musst du unbedingt zeigen!»

Ich überlegte mir auch, daraus ein Hörspiel zu machen, weil ja alles im Dunkeln spielt. Aber der Hörspieldramaturg vom SRF schrieb mir damals: Das Stück sei zu konstruiert, die Figuren völlig unrealistisch, sowas gibt es nicht. Und man spüre, da sei null Bedürfnis von meiner Seite dahinter, das zu erzählen.

Ich habe eine böse Email zurückgeschrieben; aber das Stück habe ich danach weggelegt. Ich dachte, jetzt muss ich es lassen.

Woran liegt’s? War die Zeit noch nicht reif?

Am Symposium am Wochenende hab ich so oft von Frauen gehört, denen ganz offen gesagt wurde, sie müssen lächeln, humorvoll schreiben, positiv sein.

Es liegt sicher am Thema: Femizid. Daniela Janjic hat im DRAMENPROZESSOR ein Jahr später über den Bosnienkrieg geschrieben – auch brutal, aber weiter weg beziehungsweise weniger unter uns. Gewalt, Femizid, sexueller Missbrauch sind absolute Tabuthemen.

Gab es auch konstruktive Kritik?

Ich wurde gebeten, den Schluss zu ändern. Aber dadurch, dass beide Männer kriminell sind, decken sie sich gegenseitig und könnten immer so weiter machen. Und genau darum geht’s: Ich wollte zeigen, wie Gewalt entsteht und welche Mechanismen hinter ihr stecken. Wer war die Frau von Blunn, was war ihre Rolle, dass es zu dieser Gewalt kommen konnte? Blunn gegen Arn, das hat viel mit Eifersucht zu tun.

Und Arn hat keine anderen männlichen Vorbilder in dieser abgeschlossenen Welt. Er kennt keine normalen Beziehungen und kann deshalb auch keine normale Beziehungen zu Frauen aufbauen, weil es aus seiner Sicht immer ein Verrat an der Mutter ist. Und Letztere wurde vom Vater getötet, obwohl er sie liebte.

Heutzutage sieht man diese Zusammenhänge stärker: Wir wissen, dass es kein Zufall ist, dass so viele Frauen umgebracht werden. Sehr oft sind es Beziehungsdelikte, weil sich die Frau beispielsweise trennen will. Es ist diese wahnsinnige Angst der Männer, ihre Macht zu verlieren und ihre Unfähigkeit, mit Gefühlen – oft ist es Eifersucht – umzugehen, die in Gewalt münden; gegen Frauen und auch gegen Kinder.

Gegen alle, die schwächer sind…

«In der Schweiz wird alle zwei Wochen eine Frau durch ihren Ehemann, Lebensgefährten, Ex-Partner, Bruder oder Sohn getötet. Jede Woche überlebt eine Frau einen versuchten Femizid.» (Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann über das Jahr 2019)

Trotzdem lautet die Schlagzeile dann meist «Familiendrama» und nicht «Femizid» oder «Mord». «Femizid» ist in der Schweiz noch immer kein etablierter politischer Begriff – dies wurde 2020 vom Ständerat erneut abgelehnt (stopfemizid.ch).

Das wird unter Verschluss gehalten, weil die Gewalt im Geheimen passiert, in den Familien. Die Familie ist heilig: «Ehre deinen Vater und deine Mutter», das ist eine wahnsinnige Prägung, die wir haben.

Beim Wiederlesen ist mir aufgefallen, dass die Figur Calla – das hatte ich mir damals gar nicht so überlegt – nur mit einem Mann wie Arn mitgeht, weil sie nichts anderes kennt, als einen Mann, der sie missachtet und nicht wahrnimmt.

Und so sehr ich mir als Leserin wünsche, dass sie geht, hält sie daran fest, dass Arn ein Guter ist…

Das hat auch mit der Struktur zu tun. Das fängt ganz früh an: Wenn du nicht wertgeschätzt wirst, wenn du keine Achtung erfährst, suchst du dir so eine:n Partner:in, der:die dir keine Wertschätzung und keine Achtung entgegenbringt. So gerät man da rein.

Wie kommen wir aus diesen Strukturen heraus?

Indem wir sie benennen, drauf zeigen, Zusammenhänge aufdecken. Die Männer müssen lernen, Gefühle zu zeigen: Enttäuschung, Eifersucht, Trauer. Die grosse Bewegung muss jetzt von den Männern kommen. Und wir brauchen neue Männerbilder in der Literatur, im Film und überall. Das passiert zum Teil bereits, aber dann kommt wieder so ein Backlash wie aktuell mit den Taliban in Afghanistan oder jetzt das Abtreibungsgesetz in den USA, die die Zeit zurück katapultieren wollen.

Umso wichtiger, welche Energien ein zweitägiges Symposium freisetzen kann; wie gut es tut, mit 120 anderen Frauen* im Literaturbetrieb laut nachzudenken – auch bei 36°…

Ich fand’s wahnsinnig schön. Auch, dass so viele junge Frauen an den Frauenstreik gehen und diese Themen aufgreifen.

Wobei ich auch Diskussionen hatte mit Autor:innen, die gesagt haben, das gab’s doch alles schon in den 90er-Jahren. Aber das heisst noch lange nicht, dass wir das nicht alles wieder thematisieren müssen. Auch heute haben die 20-jährigen Frauen noch Angst, alleine nach Hause zu gehen. Das müsste nicht sein.

Auch das ist strukturell bedingt, dass die Vorarbeit von anderen Frauengenerationen immer wieder «vergessen» gemacht wird. Gegen all diese patriarchalen Strukturen kommen wir nur an mit Ausdauer, Kompliz:innenschaft, mit Transparenz, mit Statistik und mit viel Sensibilisierungsarbeit. Dahin zielt auch die Forderungsliste des Symposiums. Danke dir, liebe Viola, für deine Offenheit, die Initiative und für dein DRAMENPROZESSOR-Stück!