Austerlitz

nach dem Roman von W.G. Sebald

Als gäbe es überhaupt keine Zeit

Jacques Austerlitz entgeht als Fünfjähriger durch einen Kindertransport von Prag nach London dem Holocaust und wächst bei einem calvinistischen Ehepaar in Wales auf, das seine Herkunft nie zur Sprache bringt. Die traumatische Trennung von den Eltern und die gefühlskalte Umgebung des Predigerhauses führen nicht nur zu einem völligen Vergessen der eigenen Vergangenheit, vielmehr blendet der erwachsene Austerlitz lange Zeit die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts aus und vermeidet damit jede Konfrontation mit seiner Geschichte; bis er mit über fünfzig Jahren durch ein Erlebnis in einem Londoner Bahnhof seiner jüdischen Herkunft auf die Spur kommt. In langen Gesprächen mit einem namenlosen Gegenüber rekonstruiert er nach und nach seine Vergangenheit.

Durch die Geschichte von Jacques Austerlitz, dem als Kind Heimat, Sprache und Name geraubt wurden, schreitet W. G. Sebald die Wege der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden – von London nach Prag und Theresienstadt bis nach Paris – ab.

«… und je länger ich es bedenke, desto mehr kommt mir vor, daß wir, die wir uns noch am Leben befinden, in den Augen der Toten irreale und nur manchmal, unter bestimmten Lichtverhältnissen und atmosphärischen Bedingungen sichtbar werdende Wesen sind.»

Thomas Sarbacher als namenloser Erzähler versucht sich an seine Begegnungen mit Austerlitz zu erinnern und gerät darüber in einen fieber- und wahnhaften Zustand, der demjenigen Austerlitz‘ immer mehr ähnelt. Durch den Akt des Erzählens wird das Vergangene noch einmal lebendig. Die Grenzen zwischen Austerlitz und Erzähler lösen sich nach und nach auf.
Ein stiller Aufstand gegen das Vergessen und eine Spurensuche in der Vergangenheit, in der wir, so vermutet Austerlitz, «Verabredungen haben mit Personen, die jenseits der Chronologie in einem Zusammenhang stehen mit uns.»

W. G. Sebald wurde am 18. Mai 1944 in Wertach im Allgäu geboren. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft arbeitete er als Lehrer an einer Privatschule in St. Gallen, später lehrte er an der University of East Anglia in Norwich. Am 14. Dezember 2001 kam W. G. Sebald bei einem Verkehrsunfall in Norfolk ums Leben. Sebald hatte viele Verabredungen in der Vergangenheit. Mit Stifter oder Nabokov in seinem Aufsatzband «Die Beschreibung des Unglücks» oder mit Stendhal und Kafka in «Schwindel. Gefühle». Typisch für Sebald ist die Mischung aus Recherche, Essay und Geschichtsschreibung.

Regie Manuel Bürgin Spiel Thomas Sarbacher Ausstattung Beni Küng Musik Sandro Corbat Textfassung Manuel Bürgin, Thomas Sarbacher Licht, Technik Paul Schuler, Peter Göhler-Blaser Regieassistenz Jennifer Warisch Ausstattungsassistenz Jacqueline Weiss Regiehospitanz Tiffany Sarp Koproduktion Theater Winkelwiese, Kellertheater Winterthur Aufführungsrechte The Estate of W. G. Sebald Gefördert durch Fachstelle Kultur Kanton Zürich, Jürg George Bürki-Stiftung, Migros-Kulturprozent, SIS Schweizerische Interpretenstiftung, Stiftung Peter und Angela Guggenheim-Ascarelli

Fotos: Judith Schlosser

Vorstellungsdauer: ca. 2h 15min (mit Pause)

Vorstellungen

Sa, 17.10.2020
20:00
PremiereAusverkauft
So, 18.10.2020
16:00